die verschwörung der poeten

Tief graben
Von Martin Pescatore

Gerade einen halben Tag war die Wärme eines Spätsommers in diesen Herbst hereingekommen. Das Zeug gepackt und auf die Schienen. Die Zellentüre zu. Ein schnarchender Armenier auf meiner Ebene. Eine fröhliche Schöne unter der grellen Deckenleuchte. Nacht. Regen. Frühstück. Raus. Zürich ist ... irgendwo anders. In meinen Phantasien. War ich wirklich mitten drin? Nein. Niemandsland.

Und während ich eine der großen Uhren auf dem Bahnhof anstarre, seit rund einer Stunde, fährt mir mein Anschlußzug davon. So komme ich voran. Schon seit Jahren. Falle durch alle Pläne. Starre auf Dinge. Bin plötzlich schon wieder ganz wo anders. An mir sind die Pläne vergebene Mühe. Lausanne hat einen plüschigen Bahnhof. Der plüschige Bahnhof von Toledo hatte mir besser gefallen.

Ein liebenswürdiger Busfahrer in Croy Romainmotier, der mein Geld zurückweist und unbedingt annehmen will, ich habe ein Abonnement generale in der Tasche. Touch down im hintersten Eck der Schweiz. Quartier im Hause des Lieutenant Baillival. Romanisches Urgestein. Der Wein wächst um einen herum an den Flanken der Strecke. Der Käse rennt auf den nahen Wiesen herum. Das schlechte Wetter hängt so tief wie die Holzdecke des Pilgerhauses hoch. Das Licht hockt kühl auf den Hügeln. Wir reissen mit unseren Füßen eine weitere, feine Schicht von den alten Böden und Treppen.

Vollmundig. Quellend. Solche Stunden. Nächte. Eine wüste Reisegesellschaft an den Schräglagen des Jura. Gegen jede Schlechtwetterfront gewappnet. Trunken und fröhlich. Aus tiefen Räumen vielfacher Belesenheiten in die binären Kammern vordringend, die eine Welt sein möchten. Das Pilgern und das Surfen durchstößt die Täuschungen. Wo die Wolken aufreißen, wo es draußen milde wird, die Nase in den Himmel gereckt, ein Wittern. Da wünschte ich mir meine 750er her. Den lächelnden Dämon. „Haze on the hill“. Aber mir fällt noch eine ganz andere Strecke zu, die mich das Ratteneisen vergessen läßt.

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Als Mistah T. die Kabel einklinkt, die Turntables anwärmt und das Vinyl zu liebkosen beginnt. Chicago House und Detroit Techno. Was für Schatten an den Wänden! Geflutete Halle. Wie er, völlig laid back, seine Erzählung entfaltet und uns durch die Nacht leuchtet. Mit einer handvoll entflammter Herzen. Bis alles an die harten Bruchstellen eines Morgens brandet.

Ich räume das Zimmer des Lieutenants. Die Legende besagt: Nighttrain to Georgia. Real bedeutet das: Crossroads in Zürich. Glitzernde Schwarze legen einen Pimp Roll in die Bahnhofshalle, daß die Lokomotiven lächeln. Muslims, scharf wie Rasierklingen, gravieren auf ihrem Korso feine Spuren in den Steinboden. In dieser Saison sitzen die Hosen der Mädchen beunruhigend knapp. Und tief. See them do their strut!

Ich sehe die fröhliche Schöne wieder, die in Zermatt eine Hochzeit besucht hat. Offenbar nicht ihre eigene. Ein zarter Schweizer legt im Abteil die Türkette vor. (Wer sollte dich schon klauen, Süßer?) Ich komme heim und bin ein Fremder geworden. So ist das inzwischen. Die Kälte ist gebrochen. Ein Riß im Himmel. Ich steig in das schwere Kampfgewand und fahr eine Schneise in den Herbst. Der lächelnde Dämon. Nickt. Ich grabe gerne tief. Ich drifte gerne leicht. Auf den Routen der Amazonen und Navigatoren.

 

[Mistah T.]
[bergig]


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