kunstraum.gleisdorf: Neue Räume


Vishnus Inkarnationen auf dem Desktop
oder: Eine Reise durch den virtuellen Erzählraum von Homer bis Snow Crash
Von Beat Mazenauer

Vortrag anläßlich des
ncc48 - netART community congress
25 - 27 october 2001: dom im berg graz austria
[Abstract]

"Die Wunschmaschinen stecken nicht in unserem Kopf, sind keine Produkte der Einbildung, sondern existieren in den technischen und gesellschaftlichen Maschinen selbst." (Deleuze / Guattari)

Ein "Murmeln" allenthalben. Foucaults Metapher für die vielen Geschichten, die nicht in den herrschenden Aussagesystemen aufgehen, gewinnt an Bedeutung. Immer deutlicher ist postmodern dieses Murmeln vernehmbar. Die grossen Erzählungen haben abgedankt, kleine Erzählungen weben weiter "den Stoff täglichen Lebens" (J.-F. Lyotard). Cyberspace, virtuelle Realität, World Wide Web umschreiben einen Sektor jenes Raums, in dem diese Ablösung von der Moderne vor sich geht.

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Das "Netz" ist die grandiose Metapher des digitalen Zeitalters, Synonym für den World Brain, Vorschein eines künftigen Lebens. Das Netz ist auch eine Falle. Es fängt auf, was sich tummelt, was murmelt. Und es ist durchlässig in allen Dimensionen, seine virtuellen Manifestationen greifen räumlich wie zeitlich in alle Richtungen, über alle Grenzen hinaus aus. Es versinnbildlicht eine kollektive Wunschwelt, in der sich die Erzählungen der Menschheit sammeln: fremde Geschichten und alte Geschichten. Denn so rasant die technischen Umwälzungen sich auch vollziehen mögen, so gemächlich trottet ihr die menschliche Einbildungskraft hinterher. In den neuen Ideen leben stets alte Geister fort. Die virtuellen Realitäten nehmen nicht bloss Zukunftswelten vorweg, sie spielen auch historische Geschichten nach. Am Beispiel von Avataren, World Brain-Phantasien, serendipitöser Neugierde und kollektiven Erzählräumen erweist sich die historische Tiefe und die topographische Weite der virtuellen Phantasie. Das entgrenzende Murmeln aus vielen Mündern.

Avatare oder Ich möchte zweifach sein
Der Begriff des "Cyberspace" stammt aus einem literarischen Werk: William Gibsons "Neuromancer"-Roman (1983), kreiert zu einer Zeit, als es diesen Cyberspace zumindest als öffentlich zugänglichen Raum noch gar nicht gab. Beeindruckt von diesem Roman hat Neal Stephenson 1992 ein zweites begriffsbildendes Buch geschrieben: "Snow Crash".
"Snow Crash" erzählt die Geschichte von einer virtuellen Heimstatt namens "The Black Sun", die durch eine Infokalypse zerstört werden soll. Dahinter steht eine sektiererisches Konglomerat, das auch in der realen Welt die Macht übernehmen will, indem die Menschen neurologisch gleichgeschaltet werden. Stephensons Beschreibung des virtuellen 3D-Raumes hat Softwareprogrammierer dazu angeregt, eine internettaugliche Sprache zu kreieren, die solche virtuelle Räume zu eröffnen vermag: VRML (virtual reality markup language). Die Figuren, die in dieser virtuellen Realität agieren, nennt Stephenson "Avatare": "Die Menschen [im virtuellen Raum] sind Softwareteile, die man Avatar nennt. Es handelt sich um die audiovisuellen Körper, die Menschen benutzen, um im Metaversum miteinander zu kommunizieren." (S. 47)
"Snow Crash" ist ein wildes Sample aus babylonisch-sumerischen Mythen und utopischen Zukunfts(t)räumen. Die Welt ist fragmentiert (wie schon bei Gibson) in ein unübersichtliches Netz von kleinen mafiösen Herrschaftsbereichen; einzigen Zusammenhalt bildet das virtuelle Metaversum, in das sich die Menschen einloggen in Gestalt von Avataren. Einer von ihnen ist der gewiefte Hacker Hiro Protagonist, Mitgestalter der "Black Sun" und bester Schwertkämpfer im Metaversum.
Doch die rituelle Gesetzmässigkeit unter der Herrschaft der "Black Sun", die namentlich wohl nicht zufällig an Thomas Campanellas straff geführte Zivilisationsutopie "Civitas Solis" ("Der Sonnenstaat", 1623) erinnert, diese Gesetzmässigkeit ist bedroht durch ein Virus, das auf mysteriöse Weise zusammenhängt mit dem babylonischen Sprachgewirr und dem Wirken des Antichrists.
Stephenson selbst rekurriert auf wörtliche Bedeutungen, was den Begriff "Virus" anbelangt, der laut Oxford Dictionary "Gift" im physio-pathologischen wie moralischen Sinn bedeutet. Thora oder Bibel stehen für ein Virus, das das religiöse und soziale System der menschlichen Gemeinschaft vor Zeiten infisziert und umgepolt hat. In vergleichbarem Sinn soll bereits schon Enki, der sumerische Gott der Weisheit und der Beschwörung, ein Virus in die Welt gesetzt haben, das die gemeinsame Sprache (das aller menschlichen Kommunikation zugrunde liegende gemeinsame Idiom) zersetzte und die Menschen zwang, sich durch das babylonische Sprachgewirr hindurch neu zu verständigen: also kreativ zu werden. Enki war gewissermassen ein "neurolinguistischer Hacker", der das "Me", das gesellschaftliche Grundgesetz (um)programmierte. In einer Welt, die durch die totalitäre Einstimmigkeit bedroht ist, soll dieses alte Virus wieder reaktiviert werden.
Das Beispiel zeigt, dass SciFi keineswegs gefeit ist vor alten Geschichten. Die digitale Utopie ist nicht selten rückbezüglich, ihr Kodex lehnt sich gerne an ritterlichen Verhaltensweisen an. [...]

[Textauszug! Volltext hier als RTF-File downloadbar!]
Siehe auch Mazenauers Beitrag: "Fingerzeige des Zufalls"
(Die Serendipity-Galaxis oder was die drei Prinzen aus Sri Lanka im digitalen Zeitalter zu finden hoffen)
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Beat Mazenauer
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