the long distance howl / konsortium 18 / tesserakt II / seite #9

Schießwütig?

Das kanadische Pärchen steht im Ruf, zu Kreisen leidenschaftlicher Trophäenjäger zu gehören. Ein Urlaubsfoto aus Südafrika zeigt die beiden, während sie sich küssen. Vor ihnen liegt ein getöteter Löwe, ein imposanter Brocken. Das ist ebenso zynisch wie provokant und drückt eine Verächtlichkeit aus, die naturgemäß Emotionen hochgehen läßt.

Ich hab keine Ahnung, wie jemand tickt, der seine arrogante und anmaßende Haltung gegenüber der Natur auch noch zur Schau stellt und mit dieser Kuß-Szene krönt. Es ist eine Herrenmenschen-Attitüde, über die wir uns keine Illusionen zu machen brauchen. [Eine Quelle]

Dann sehe ich aber, daß ein Grazer Künstler dieses Foto folgendermaßen kommentiert hat: „Ich wüsste, was ich täte, wäre ich in solch' ‚romantischem‘ Moment dabei... Mit zwei Kugeln würde ich meine Glückwünsche hör- und fühlbar unterstreichen!“

Wirklich? Durchladen, anlegen, abdrücken? Zweimal? Kalt machen? Oder nur anschießen und leiden lassen? Das ist eine sehr kühne Kerl-Nummer. Und wodurch legitimiert? Durch den gleichen Herrenmenschen-Geist, der schon diese Gewaltphantasie völlig diskreditiert?

Was für eine präfaschistische Pose; und zwar mindestens dadurch, daß sie via Massenmedium (Facebook) inszeniert und verbreitet wird. Es soll sich ja jeder Mensch denken was er will. Mich interessiert auch nicht, welche abartigen Phantasien jemand in seinem Kopf oder Herzen wohnen läßt.

Ich neige selbst durchaus nicht zum Pazifismus, dachte aber, das Abknallen von Menschen sei in meinem Milieu keine akzeptable Option, käme nicht einmal als Gewaltphantasie in Frage, die man folglich für sich behalten sollte, wenn einen solche Bilder heimsuchen.

Ich war lange Zeit recht sicher, der Teil einer Community zu sein, innerhalb derer wir Kinder und Enkelkinder von Faschisten solche Zusammenhänge bearbeitet hätten, um zu wissen, daß eine Sprache der Gewalt, wenn sie via Massenmedien Wirkung entfalten darf, über kurz oder lang zu physischen Gewalttaten führt.

Auf diesen Konsens ist anscheinend kein Verlaß mehr. Die Arbeit beginnt von vorne…

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