Mischa Lucyshyn: Thomas Paines "Das Zeitalter der Vernunft" (#8)

Untersuchung des Alten Testaments (b)


Was den Bericht über die Schöpfung angeht, mit dem das Buch Genesis beginnt,

so ist er allem Anschein nach eine Überlieferung, die unter den Israeliten schon

im Schwange war, noch bevor sie nach Ägypten kamen. Nach ihrem Aufbruch

aus diesem Land aber stellten sie ihn an den Beginn ihrer Geschichtsschreibung,

ohne uns zu sagen, daß sie über seine Herkunft keine Ahnung haben (was

sehr glaubhaft ist). Die Art und Weise, wie dieser Bericht anhebt, belegt seine

Herkunft aus der Überlieferung: Er beginnt abrupt. Da ist niemand, der spricht.

Da ist niemand, der zuhört. Da ist niemand, an den sich die Geschichte richtet.

Moses macht sich nicht die Mühe, diesen Bericht mit jener Formalität einzuleiten,

die er an anderer Stelle aufbringt, wenn er etwa sagt "Der Herr sprach zu Moses

und sagte".


Warum er überhaupt der mosaische Schöpfungsbericht heißt, ist mir schleierhaft.

Ich glaube ja, daß Moses ein zu scharfes Urteilsvermögen besaß, um selbst

seinen Namen dieser Geschichte voranzustellen. Er war unter den Ägyptern

ausgebildet worden, die als Volk in der Wissenschaft, und speziell der Astronomie,

keinem anderen Volk ihrer Zeit nachstanden. Das Schweigen und die Behutsamkeit,

mit der Moses darauf bedacht ist, den Bericht nicht zu autorisieren, ist ein ganz guter

negativer Beweis dafür, daß er ihn weder erzählt noch geglaubt hat.


Es ist ja so, daß jede Nation und jedes Volk Welterschaffer gewesen ist; die

Israeliten hatten darum ein ebenso gutes Recht, dieses Welterschaffungsgeschäft

anzufangen, wie der Rest der Welt auch. Da Moses kein Israelit war, war er

nicht unbedingt in einer Position, dieser Tradition entgegenzutreten. Der Bericht

selbst ist ja harmlos; und das ist schon mehr, als von vielen anderen Teilen

der Bibel gesagt werden kann. (1)


Wann immer wir die obszönen Geschichten lesen, von wollüstigen Ausschweifungen,

vom grausamen und qualvollen Schlachten, von der unerbittlichen Rachsucht, mit

denen mehr als die Hälfte der Bibel angestopft ist, so scheint es angemessener zu sein,

dieses Buch das Wort eines Teufels zu nennen als das Wort Gottes. Es ist eine

Geschichte voller Bosheit, die dazu gedient hat, die Menschheit zu verderben

und zu verrohen. Was mich anlangt, so verabscheue ich sie aufrichtig - wie ich

alles verabscheue, was grausam ist.


Wir finden ja kaum etwas, ein paar Phrasen ausgenommen, das nicht unseren

Abscheu und unsere Verachtung verdiente, bis wir zur Abteilung 'Verschiedenes'

gelangen. In diesen anonymen Publikationen, den Psalmen und dem Buch Hiob,

speziell im letztgenannten, finden wir einiges an erhabenem Sentiment gegenüber

der Macht und der Güte des Allmächtigen, auch ehrfurchtsvoll im Ausdruck. Freilich

stehen sie keinesfalls über anderen Dichtungen zu ähnlichen Themen, wie es sie

sowohl vor als auch nach jener Zeit gegeben hat.


Die Sprüche, welche Salomon zugeschrieben werden, wenngleich es sich

höchst wahrscheinlich um eine Sammlung handelt (denn sie entdecken uns

eine Lebenserfahrung, die Salomon bedingt durch seine Umstände nicht gut

haben konnte), sind eine lehrreiche Aufstellung ethischer Grundsätze. Sie sind

an Schärfe den Sprichwörtern der Spanier unterlegen und auch nicht klüger

und ökonomischer als die Aphorismen des Amerikaners Franklin. (2)

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Photo: Pensthorpe, Norfolk

(1) Wenn Paine von der 'Bibel' spricht, meint er hier nur das Alte Testament.

(2) Paine verweist hier auf die Sprichwörter in Benjamin Franklins "Poor Richard´s Almanack"

 


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