Mischa Lucyshyn: Thomas Paines "Das Zeitalter der Vernunft" (#23)

Christentum und Bildung, im Licht der Geschichte (a)


In gleicher Weise, wie das Christentum die Religion revolutioniert hat, so hat es

auch das Lernen revolutioniert. Das, was heutzutage Lernen genannt wird, war

ursprünglich kein Lernen. Lernen zielt nicht, wie die Schulen es derzeit haben

wollen, auf die Kenntnis von Sprachen ab, sondern auf die Kenntnis von Dingen,

für welche die Sprache Bezeichnungen findet.


Die Griechen waren ein gebildetes Volk, aber Bildung war für sie nicht das Beherrschen

des Griechischen, genauso wenig wie den Römern das Lateinische, den Franzosen das

Französische oder den Engländern das Englische als Bildung angerechnet werden würde.

Soweit wir das von den Griechen wissen, scheinen sie außer der eigenen

keine andere Sprachen gesprochen oder studiert zu haben: Und das ist einer der Gründe,

weshalb sie so gebildet waren - es blieb ihnen so mehr Zeit für nützlichere Studien. Die

Schulen der Griechen waren Lehrstätten der Philosophie und der Wissenschaften, und nicht

für Sprachen. Bildung besteht im Wissen um Dinge - und das wird von Philosophie und

Wissenschaften gelehrt.


Beinahe alles wissenschaftliche Wissen, das heute existiert, haben wir von den Griechen,

oder den Leuten, die Griechisch gesprochen haben. Das war der Grund dafür, daß wenigstens

einige Menschen von Völkern mit anderer Muttersprache Griechisch lernen mußten,

um so das Wissen der Griechen zugänglich zu machen, indem sie die griechischen Bücher

über Wissenschaft und Philosophie in ihre eigene Sprache übersetzten.


Daher war das Studium des Griechischen (und in gleichem Maße des Lateinischen),

eine den Sprachforschern vorbehaltene Plackerei. Die Sprache, die man sich so erwarb, war

nichts als Mittel und Werkzeug, um an das Wissen der Griechen heranzukommen.

Die Sprache selbst hatte keinen Anteil an diesem Wissensschatz, ja diese war so verschieden

von jenem, daß höchst wahrscheinlich sogar diejenigen, die etwa Euklids Elemente

übersetzt haben, kein Wort von dem übersetzten Wissen verstanden haben dürften.


Da es nun nichts Neues mehr von diesen alten Sprachen zu lernen gibt - alle brauchbaren

Bücher sind mittlerweile übersetzt - sind sie nutzlos geworden, und das Lehren und

Lernen von ihnen ist reine Zeitverschwendung. Wenn das Studium von Sprachen überhaupt

zum Fortschritt und der Kommunikation von Wissen nützlich ist (mit der Schaffung von

Wissen hat sie sicher nichts zu tun), so ist neues Wissen höchstens in den lebenden

Sprachen zu finden. Es ist ganz sicher, daß ein junger Mensch aus dem Studium einer

lebenden Sprache in einem Jahr so viel lernt wie aus dem Studium einer toten Sprache

in sieben - abgesehen davon, daß die Lehrer der letzteren selbst selten besonders viel Ahnung

davon haben.


Die Schwierigkeit im Erlernen einer toten Sprache besteht ja nicht in ihrer speziell

abstrusen Kompliziertheit, sondern bloß darin, daß sie tot ist und ihre Aussprache verloren.

Alle Sprachen sind hierin einander gleich. Der beste moderne Griechischkenner versteht

vom Griechischen nicht annähernd soviel wie ein griechischer Bauer oder eine griechische

Milchmagd der Antike. Dasselbe gilt auch in Bezug auf das Lateinische und römische

Milchmädchen und Bauern. Was die Aussprache angeht, ist der Sprachforscher von heute

möglicherweise sogar dem Rindvieh unterlegen, das damals von jener Magd gemolken wurde.

Es wäre daher nur von Vorteil für das Bildungssystem, das Studium toter Sprachen

abzuschaffen und einen Lehrplan zu erstellen, der - wie ursprünglich - aus dem Studium

der Wissenschaften besteht.

 


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