Mischa Lucyshyn: Thomas Paines "Das Zeitalter der Vernunft" (#24)

Christentum und Bildung, im Licht der Geschichte (b)


Als Entschuldigung dafür, weiterhin tote Sprachen zu lehren, wird vorgebracht,

daß sie zu einer Zeit gelehrt werden, in der ein Kind außer dem Gedächtnis keine

andere Geistesfunktion anzuwenden in der Lage ist. Aber das ist völliger Unsinn.

Der menschliche Geist ist von Natur aus für die Wissenschaften und allem,

was dazugehört, veranlagt.


Die Lieblingsbeschäftigung eines Kindes, und eine der ersten dazu, noch bevor

es zu spielen beginnt, besteht in der Nachahmung von Dingen, die wir Menschen machen.

Es baut Häuser mit Karten oder Stöcken. Es befährt den Ozean in einer Wasserschüssel

mit einem Papierschiff oder staut das Wasser in einer Rinne auf und ersinnt etwas, das es

eine Mühle nennt. Es ist am Schicksal dieser Machwerke so fürsorglich interessiert,

daß es an Liebe grenzt. Und dann geht es zur Schule, wo sein Genie mit dem öden

Studium einer toten Sprache umgebracht wird: So geht der Philosoph an den Linguisten verloren.


Freilich, die Entschuldigung für das fortgesetzte Lehren toter Sprachen, die man heutzutage

vorbringt, kann kaum als die Ursache für die Reduktion des Lernens auf die enge und

bescheidene Sphäre der Linguisterei angesehen werden: Sie muß anderswo zu suchen sein.

In allen Untersuchungen dieser Art befinden sich die besten Hinweise in der Sache selbst und

in den mit ihr verbundenen Umständen - in diesem Fall sind beide unschwer zu entdecken.


Lassen wir für einen Augenblick und als Angelegenheit für spätere Ausführungen den

Frevel beiseite, den man an der moralischen Gerechtigkeit Gottes verübt, indem man ihm

unterstellt, er lasse Unschuldige für Verbrecher leiden, sparen wir uns die

etwas lockere Moral und billige Erfindung, er hätte sich in die Gestalt eines Menschen

verwandelt, um sich so eine Entschuldigung dafür zurechtzulegen, sein Urteil nicht an

Adam vollstreckt zu haben - diskutieren wir alles das also später, so ist es unzweifelhaft,

daß das sogenannte christliche Glaubenssystem, mit seinem skurrilen Schöpfungsbericht,

der seltsamen Geschichte um Eva mit Schlange und Apfel, der zweifelhaften Idee eines

Menschengottes, der sehr körperhaften Idee vom Tod eines Gottes, der mythologischen

Idee von einer Gottesfamilie und der christlichen Arithmetik, in der drei eins sind und

eins drei, nicht nur mit dem göttlichen Geschenk der Vernunft unvereinbar ist, sondern

auch mit dem Wissen, das die Menschen von der Macht und Weisheit Gottes erhalten,

wenn sie die Wissenschaften zuhilfe nehmen und die Struktur des von Gott

geschaffenen Universums studieren.


Die Errichter und Advokaten dieses christlichen Glaubenssystems konnten gar nicht anders,

als vorherzusehen, wie die durch Wissenschaften ständig anwachsende Kenntnis der Menschen

von der Macht und Weisheit Gottes, die sich im Universum und der Schöpfung manifestieren,

ihr eigenes Glaubenssystem in Frage stellen und gegen dieses aufbegehren würde. Deshalb

war es für ihre eigenen Zwecke nötig, das Lernen auf ein ihrem Projekt weniger gefährliches

Ausmaß zu beschränken - und das erreichten sie, indem sie die Idee vom Lernen auf das öde

Studium toter Sprachen reduzierten.


Sie musterten nicht nur das Studium der Wissenschaft in den christlichen Schulen aus,

sie verfolgten es - und erst in den letzten beiden Jahrhunderten lebte es wieder auf.

Erst 1610 entdeckte der Florentiner Galileo den Nutzen von Teleskopen, durch deren

Verwendung zur Beobachtung von Himmelskörpern und ihrer Bewegungen uns ein

weiteres Mittel in die Hand gegeben wurde, die wahre Struktur des Universums festzustellen.


Aber anstatt für diese Entdeckungen Anerkennung zu erhalten, wurde er dazu verurteilt,

ihnen und den daraus folgenden Meinungen als verdammenswerte Häresie abzuschwören.

Lange davor wurde Virgil zum Scheiterhaufen verurteilt, da er die Existenz der Antipoden behauptete -

oder in anderen Worten, daß die Erde eine Kugel sei und bewohnt, wo immer es Land gibt:

Eine Wahrheit, die heute so bekannt ist, daß es nicht einmal besonderen Erwähnung bedarf.

 


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