Mischa Lucyshyn: Thomas Paines "Das Zeitalter der Vernunft" (#66)

 

Kapitel I


Über das Alte Testament (aa)

 

 

Im vorangegangenen Teil von "Das Zeitalter der Vernunft" habe ich gesagt, das Wort Prophet sei

die biblische Bezeichnung für einen Dichter gewesen, und die hochtrabenden Metaphern jüdischer Dichter

seien verrückterweise zu dem aufgeblasen worden, was nun Prophezeiung heißt. Diese Meinung ist

nicht nur dadurch ausreichend begründet, daß die Bücher mit dem Titel Prophezeiungen in einer sehr

poetischen Sprache geschrieben sind, sondern weil es außer dem Wort Prophet in der Bibel kein anderes

dafür gibt, was wir heute als Dichter bezeichnen.


Ich habe außerdem behauptet, das Wort meine auch einen Musiker, wofür ich einige Beispiele

angeführt habe, etwa eine Gruppe von Propheten, die auf Schellentrommeln, Psalter,

Flöten und Harfen prophezeiten - und mit denen gemeinsam Saul weissagte, wie es im ersten Buch

Samuel, Kapitel X, Vers 5, heißt.


In dieser Passage scheint es, als wäre das Wort Prophet darauf beschränkt gewesen, jemand zu

bezeichnen, der Musiker und Dichter war. Denn diejenigen Menschen, die auf visionäre Weise Kenntnis

von unsichtbaren Dingen hatten, wurden gemeinhin Seher* genannt (1. Buch Samuel, Kapitel IX ,Vers 9);

erst, als die Bezeichnung Seher ungebräuchlich geworden war (etwa zu der Zeit, als Saul jene Leute

verbannte, die er Zauberkünstler nannte), wurde die Profession der Seher, also die Kunst des Sehens,

in das Begriffsfeld des Wortes Prophet inkorporiert.


Heutzutage bedeuten Propheten und das Prophezeien die Vorhersage von Ereignissen lange vor deren

Eintreten, was für die Erfinder der Frohen Botschaft vor allem deshalb notwendig wurde, weil sie die

sogenannten Prophezeiungen aus dem Alten Testament mit Bedeutung für das Neue Testament aufladen

wollten. Aber im Alten Testament bezogen sich die Prophezeiungen der Seher - und später der Propheten,

als die Seher zu Propheten geworden waren - immer nur auf Ereignisse, die in unmittelbarer zeitlicher

Nähe zur Prophezeiung stattfinden sollten oder mit solchen in engem Zusammenhang standen, etwa auf

kurz bevorstehende Schlachten oder Reisen oder andere Abenteuer, auf die man sich einließ, auf

Umstände der Zeit oder auf Probleme, in die man sich begeben hatte. Alles Prophezeien hatte unmittelbare

Bedeutung für die Akteure der Zeit (wie zum Beispiel in dem erwähnten Fall von Ahaz und Jesaja,

wo es hieß: Siehe, eine Jungfrau soll schwanger werden und einen Sohn gebären), und nicht für

eine ferne Zukunft.


Es war die Sorte Prophezeiung, die wir heute Wahrsagerei nennen würden, wie zum Beispiel das

Bleigießen, um Reichtum vorherzusagen oder das Glück oder Unglück von Ehen, das Herbeizaubern von

verlorenen Gütern etc. Es ist der Betrug der christlichen Kirche - nicht der Juden - und es sind die

Dummheit und der Aberglaube der heutigen Zeit - nicht der Antike - die all die poetischen, musikalischen,

zaubernden, träumenden und umherstreunenden Herrschaften in jenen Rang erhoben haben, den sie

seither einnehmen.


Neben den zitierten allgemeinen Eigenschaften hatten die Propheten aber auch eine sehr spezielle:

Sie schlossen sich Parteien an und prophezeiten für oder gegen eine solche, je nachdem, welcher Partei

sie angehörten - so wie heute die politischen Kommentatoren oder Dichter die Partei verteidigen, der

sie sich zugehörig fühlen.


Nachdem sich die Juden in zwei Nationen zerteilt hatten, in Judäa und Israel, hatte jede der Nationen

ihre eigenen Propheten, und die beschuldigten einander gegenseitig, falsche Propheten, Lügner und

Hochstapler etc. zu sein.


Die Propheten auf Seiten Judäas prophezeiten gegen die Propheten von Israel und umgekehrt. Diese

Parteienprophezeierei trat schon unmittelbar nach der Teilung unter den rivalisierenden Königen Rehoboam

und Jeroboam zu Tage.


Jener Prophet, der Flüche und die Vorhersage von Unglück auf einen Altar aussprach, den der Jeroboam

in Bethel errichtet hatte, war von der judäischen Partei, welcher Rehoboam als König vorstand.

Konsequenterweise wurde dieser Prophet auf seinem Heimweg von einem Propheten der Partei Israels

aufgelauert und wie folgt angesprochen (1. Buch Könige, Kapitel X): "Bist du der Mann Gottes, der

von Judäa stammt? und er sagte: Das bin ich." Darauf dann der Parteienprophet Israels: "Ich bin auch

ein Prophet, so wie du, und ein Engel hat im Namen des Herrn zu mir gesprochen und gesagt: Nimm ihn

zu dir nach Hause, bewirte ihn und gib ihm Brot und Wasser: aber (so der 18. Vers) das war gelogen."


Die Geschichte endet nämlich damit, daß der judäische Prophet nie mehr nach Judäa zurückkehrt: Man

findet ihn tot auf der Straße liegend, getäuscht vom Propheten Israels, der zweifellos in seiner

eigenen Partei als wahrer Prophet gegolten hat, im Gegensatz zum Schwindler von der judäischen Seite.


Im dritten Kapitel des zweiten Buches Könige wird eine Geschichte über eine Prophezeiung erzählt,

die anhand einiger Besonderheiten den Charakter der Propheten beleuchtet. Jehoshaphat, König

von Judäa, und Jehoram, König von Israel, hatten für eine Weile ihren Zwist begraben und eine

Allianz gebildet, um gemeinsam mit dem König von Edom einen Krieg gegen den König von Moab

anzuzetteln.


Nach der Vereinigung der Armeen und einigen Tagesmärschen berichtet die Geschichte darüber,

wie sie auf der Suche nach Wasser in große Not geraten waren. Jehoshaphat machte einen Vorschlag:

"Gibt es hier nirgendwo einen Propheten des Herrn, sodaß wir mit seiner Hilfe den Herrn um Hilfe

fragen könnten? Und einer der Diener sagte: Hier ist Elisha." (Elisha gehörte zur Partei von Judäa).

"Und Jehoshaphat, König von Judäa, sagte: Das Wort Gottes ist mit ihm."


Die Geschichte führt dann aus, wie die drei Könige zum Elisha hinabstiegen, und als Elisha

(der, wie gesagt, ein judäischer Prophet war) des Königs von Israel gewahr wurde, knurrte er:

"Was habe ich mit dir zu schaffen? Geh du zu den Propheten deines Vaters und deiner Mutter.

Aber der König von Israel entgegnete: Nein, denn der Herr hat diese drei Könige zusammen

gebracht, um sie der Hand es Königs Moab auszuliefern." (Weil sie so dringend Wasser brauchten)

Darauf der Elisha: "So wahr der König der Heerscharen lebt, vor dem ich stehe: Wenn ich nicht

den Jehoshaphat, König von Judäa, hier sehen würde, ich würde dich nicht anschauen, ich würde

dich gar nicht sehen." Hier haben wir das Gift und die Gemeinheit eines Parteienpropheten.

Wenden wir uns nun dem Brimborium oder der Art und Weise zu, wie Prophezeiungen durchgeführt

wurden.


Vers 15. "Bringt mir (spricht Elisha), einen Musiker: Und es geschah, daß, als der Musiker spielte,

die Hand des Herren über ihn kam." Hier haben wir die Farce des Zauberkünstlers. Nun aber zur

Prophezeiung selbst: "Und Elisha sagte (wahrscheinlich hat er es zur Musik gesungen): So spricht der Herr,

durchzieht dieses Tal mit Gräben". Jeder Bauer hätte ihnen denselben Rat geben können,

ganz ohne Farce und ohne Fiedelei: Wasser findet man nämlich am ehesten, wenn man danach gräbt.


* Ich weiß nicht, wie das Hebräische Wort lautet, das mit dem Englischen Seher korrespondiert; ich

habe aber gesehen, daß es ins Französische mit dem Wort la voyant übertragen worden ist, vom

Verb voir, das sehen heißt. Mithin bezeichnet es eine Person, die sieht - also einen Seher. - Der Autor

 

 


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