Mischa Lucyshyn: Thomas Paines "Das Zeitalter der Vernunft" (#62)

 

Kapitel I


Über das Alte Testament (w)

 

 

Jedes Kapitel und jede Seite ist mit dem Namen Jesu Christi und der Kirche bemalt, auf daß der

unachtsame Leser jeden Irrtum schon in sich aufsauge, noch ehe er zu lesen begonnen hat.


"Siehe, eine Jungfrau soll einen Sohn empfangen und gebären", Jesajah, Kapitel VII, Vers 14,

wurde immer so ausgelegt, als meine sie die Person namens Jesus Christus und seine Mutter

Maria, und das wurde über mehr als tausend Jahre durch das Christentum trompetet. Der

Furor dieser Meinung hat meistens zu Blutvergießen und Verwüstung geführt. Es ist ja nicht meine

Absicht, mich auf eine Diskussion über dieses Thema einzulassen, ich will lediglich aufzeigen, daß an

der Bibel einiges faul ist und, indem ich das Fundament zerstöre, das gesamte Gebäude des Aberglaubens,

das darauf gründet, zum Einsturz bringen. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ein wenig inne halten,

um die abwegige Ausdeutung dieser Passage zu demonstrieren.


Ob Jesajah den Ahaz, König von Judäa, an den sich der Ausspruch richtet, hereinlegen wollte, geht

mich nichts an - ich will ja nur die fehlerhafte Verwendung der Bibelstelle aufzeigen und beweisen,

daß sie zu Jesus und seiner Mutter ungefähr so viel Bezug hat wie zu mir und meiner Mutter.


Die Geschichte ist einfach: Der König von Syrien und der König von Israel (wie erwähnt waren die

Juden in zwei Reiche geteilt, eines davon war Judäa mit der Hauptstadt Jerusalem, das andere war Israel)

hatten sich verbündet, um gegen Ahaz in den Krieg zu ziehen, und sie marschierten auf Jerusalem zu.

Ahaz und seine Leute machten sich Sorgen, der Bericht sagt in Vers 2: "Und sein Herz bebte, und

so bebten auch die Herzen seines Mitbürger - so wie sich die Bäume im Wind schütteln."


In dieser Situation spricht Jesajah bei Ahaz vor und versichert ihm im Namen Gottes (dieser

scheinheiligen Phrase aller Propheten), daß die beiden Könige gegen ihn keine Chance hätten.

Um dem Ahaz das glaubhaft zu machen, fordert er ihn dazu auf, nach einem Zeichen zu fragen.

Ahaz, so der Bericht, verweigert das, weil er es für gotteslästerlich hält. Darauf entgegnet Jesajah

im Vers 14: "Also wird dir der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau soll einen Sohn

empfangen und gebären", und weiter im Vers 16: "Und noch ehe das Kind zwischen gut und böse

unterscheiden kann, wird das von dir gefürchtete Land (gemeint sind Syrien und das Königreich Israel)

von beiden Königen im Stich gelassen worden sein." Hier ist also das Zeichen nebst der Zeitspanne,

innerhalb der sich das Versprechen erfüllen würde, nämlich ehe das Kind zwischen gut und böse

unterscheiden kann.


Da Jesajah dieses Versprechen nun einmal gemacht hatte, mußte er, um nicht falscher Prophetie

bezichtigt zu werden (mit allen Konsequenzen daraus), sich darum kümmern, das Zeichen auch

tatsächlich erscheinen zu lassen. Es war freilich noch nie schwierig, ein junges Mädchen mit Kind

aufzutreiben - oder einem Mädchen eines anzuhängen, und wahrscheinlich hat Jesajah schon jemand

passenden gekannt, noch bevor er seine Prophezeihung ausgesprochen hat: Ich nehme ja nicht an,

daß man den Propheten von damals mehr trauen konnte als den Priestern von heute. Wie auch immer,

im nächsten Kapitel, Vers 2, sagt er: "Und ich nahm mir zwei getreue Zeugen mit, nämlich Uriah den

Priester und Zacharias, Sohn des Jeberechiah, dann ging ich mit ihnen zur Prophetin - und sie empfing

und gebar einen Sohn."


Bitteschön, das ist die ganze törichte Geschichte von diesem Kind und dieser Jungfrau. Und auf Basis einer

frechen Perversion dieser Geschichte haben Matthäus in seinem Buch und die unverschämten

Priester mit ihren schäbigen Eigeninteressen eine Theorie entworfen, die sie das Evangelium

genannt haben. Sie haben den Text so hingedreht, daß er Jesus Christus meint, der, so sagen sie,

von einem Geist, den sie heilig nennen, mit einer Frau gezeugt worden sei, die schon verlobt war

und wenig später geheiratet hat - und die sie als Jungfrau bezeichnen: Alles das 700 Jahre

nachdem die oben angeführte Verrücktheit erzählt worden ist. Ich zögere keine Sekunde, dieser

Evangelien-Theorie zu mißtrauen und zu behaupten, daß sie ein bloßes Märchen ist und genauso

falsch, wie Gott wahr ist.


Um die Schwindeleien und Falschheit des Jesajah aufzudecken, müssen wir der Geschichte bloß

bis zu jener Stelle weiterfolgen, die zwar im Buch Jesajah  stillschweigend übergangen wird, wie wir

sie aber im 28. Kapitel des zweiten Buches Chroniken finden, wo nämlich die genannten beiden

Könige mit ihrem Angriff auf Ahaz keineswegs scheitern, wie es der Jesajah im Namen des

Herren vorhergesagt hat, sondern ihn siegreich beenden. Ahaz wird vernichtend geschlagen,

hundertzwanzigtausend Menschen seines Volkes werden hingeschlachtet, Jerusalem wird geplündert,

und zweihunderttausend Frauen, Söhne und Töchter werden in Gefangenschaft verschleppt. So viel also

zu diesem Lügenpropheten und Schwindler Jesajah und zu dem unsinnigen Buch, das seinen Namen trägt.

 

 


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