Mischa Lucyshyn: Thomas Paines "Das Zeitalter der Vernunft" (#74)

 

Kapitel III


Nun zum Neuen Testament (c)


Wie auch immer - die allererste Frage bei der Lektüre sowohl des Alten wie auch des Neuen Testaments

ist doch, ob diese Bücher echt sind: Wurden sie tatsächlich von den Leuten geschrieben, denen man

diese Werke zuschreibt? Immerhin ist diese Zuschreibung der einzige Grund dafür, daß die seltsamen

Dinge in diesen Büchern geglaubt worden sind. Was diesen Punkt angeht, so gibt es keinen direkten

Beweis, weder dafür noch dagegen: Alles, was dieser Zustand beweist, ist eine gewisse Zweifelhaftigkeit,

und Zweifel ist das Gegenteil von Glauben. Genannter Zustand ist also ein gegen diese Bücher

sprechendes Indiz, soweit ein Indiz dieser Art eben reichen mag.


Davon abgesehen aber ist die Vermutung, daß die Bücher mit dem Titel Evangelisten, welche dem

Matthäus, dem Markus, dem Lukas und dem Johannes zugeschrieben werden, gar nicht von diesen

vieren, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes verfaßt worden und Hochstapelei sind. Das Chaos

in den geschilderten historischen Belangen, das Auslassen von in einem Buch berichteten Begebenheiten

in einem anderen und die Widersprüche, die man findet, läßt die Vermutung zu, daß diese Bücher von

voneinander unabhängigen Individuen produziert worden sind, viele Jahre nach den angeblichen

Begebenheiten und zum Zweck der jeweiligen Legendenbildung. Daß es sich hierbei um die Schriften

von jenen Männern handeln soll, die man die Apostel nennt und die in einer sehr intimen Gemeinschaft

zusammengelebt haben sollen, ist wenig glaubhaft. Kurz - diese Bücher sind genau so fabriziert wie

die Bücher des Alten Testaments, und nicht von jenen Personen, deren Namen sie tragen.


Die Geschichte vom Engel, der die von der Kirche sogenannte unbefleckte Empfängnis ankündigt, wird

in den Markus und Johannes zugeschriebenen Texten gar nicht erwähnt und in den Büchern Lukas

und Matthäus auf unterschiedliche Weise erzählt. Bei letzterem erscheint der Engel dem Joseph, bei

ersterem Maria. Aber die beiden sind die schlechtesten Zeugen, die man sich ausdenken konnte, denn

es hätten wohl andere als diese beiden für sie Zeugenschaft ablegen sollen, und nicht sie selbst.


Würde heutzutage ein beliebiges schwangeres Mädchen behaupten und sogar beschwören, ein Geist

hätte sie geschwängert und sie hätte diese Information aus sicherer Quelle, nämlich von einem Engel -

würde man ihr glauben? Sicher nicht. Warum sollen wir dann dieselbe Geschichte von einem Mädchen

glauben, das wir nie gesehen haben, erzählt von wer weiß wem und wann und wo? Wie seltsam und

inkonsistent ist es doch, daß ein Umstand, der selbst eine mögliche Geschichte zweifelhaft erscheinen

ließe, nun als Hilfsmittel benutzt werden soll, diese hier zu glaubhaft zu machen, die so offensichtlich

unmöglich und erfunden ist!


Die Geschichte vom Herodes, der alle unter zwei Jahre alten Kinder schlachten ließ, taucht nur im

Matthäus-Evangelium auf. Keiner der anderen erwähnt sie auch nur mit einem Wort. Wäre eine

solche Begebenheit aber wahr, so wäre sie aufgrund ihrer universellen Bedeutung allen Schriftstellern

der Zeit bekannt gewesen: Eine so grauenhafte Tat wäre wohl von keinem ausgelassen worden.


Der Autor macht uns auch weis, Jesus wäre dem Gemetzel nur deswegen entkommen, da Joseph und

Maria von einem Engel beraten die Flucht nach Ägypten angetreten hätten. Dummerweise erfindet er

keine ähnliche Geschichte für den Johannes, der zu dem Zeitpunkt ebenfalls unter zwei Jahre alt gewesen

war. Dem Johannes, der zu Hause geblieben war, erging es aber nicht schlechter als dem Jesus, der

geflohen war. Diese Geschichte hat also einen Haken.


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