28. Mai 2017

Die alten, hölzernen Bahnschwellen, wie sie da in der Mittagshitze liegen, verströmen einen eigenartigen, sehr vertrauten Geruch. Ich weiß nicht einmal annähernd, wie viel an Strecken ich in den letzten Jahren nahe der Geleise gemacht hab.

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Derzeit steht auf manchen Passagen rund um die Bahndämme hüfthohes Gras und allerhand Samen krallen sich flugs zwischen Socken und Schuhleder fest, um weiterzukommen. Ich war schon völlig davon entwöhnt, die nackten Waden durch Brennesseln zu ziehen.

Es muß der Spätherbst 1992 gewesen sein, als ich mit solchen Gängen begonnen habe, mit dem Erkunden von Abwegen. Davor, etwa um diese Zeit, Mitte Mai, war ich in einem Verkehrsunfall zu Bruch gegangen. Ich hatte mir danach Routen gesucht, auf denen ich weitgehend ohne Begegnungen unterwegs sein kann; wenn man von Zugsgarnituren absieht.

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Zu den ersten Lektionen gehörte damals, besser nicht auf den Gleisen zu gehen, denn die Züge sind viel schneller da, als man vermuten möchte, und meistens hört man sie nicht früh genug. Zugleich mag ich dieses atavistische Grollen in den tiefen Erschütterungen des Bodens, wenn die Fuhre an einem vorbeizieht.

Die Hitze, die Gerüche, der bewegte Grund, aber auch das Klingen der Steine des Bahndammes, wenn man sie mit dem Fuß anstößt. Das rückt mir einiges an Gedanken zurecht. Wie die Kinder finde ich Ruinen äußerst anziehend. Es geht mir nicht um Schlösser, auch nicht um vergessene Schätze.

Einfach nur: Welches Leben wurde an jener Stelle gelebt? Welche Spuren hat das hinterlassen? Was hat das Wetter daraus gemacht? Das sind schöne Details, die uns im vertrauten Lebensraum festmachen.

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Ich mag diese romantische Vorstellung, daß von den Menschen ein Flüstern bliebe, in dem sich weitererzählt, was jemand begonnen hat, weil wir ja alle mit unserem Tun auf den Vorleistungen anderer ruhen. Ich erkunde das Terrain erneut, weil wir uns längst auf dem Weg zum 2017er Kunstsymposion befinden.

Dabei ist ein Aspekt meiner Beiträge dem Hauslosen gewidmet: [link] Zu diesen großen Bewegungen, denen ich nicht angehöre, weil ich seßhaft bin, mag ich mit ein paar der heurigen Werkschritte aus der Häuslichkeit herausgehen; zurück auf die Strecke, die mich schon so lange beschäftigt.

Das ist eine vom üblichen Publikum abgewandte Ereignis-Seite. Das betont die Erzählung um ihrer selbst willen, weil wir so sind und eigentlich keinen Grund brauchen, um hier zu sein. Aber wenn wir es sind, dann müssen wir uns die Verletzlichkeit und das Flüchtige an unserer Existenz erträglich machen.

Das gelingt sehr gut mittels der Erzählungen, mit der Ahnung von Kontinuitäten, die einen selbst übersteigen. Ich bin vom Schicksal bevorzugt, weil mein Zuhause schon so lange weitgehend unangefochten ist, weil mir hier niemand meine Existenz streitig machen darf. Von diesen Dingen sollten unsere kulturellen Anstrengungen gelegentlich erzählen.

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Ich stelle zufrieden fest, daß die Werbewirtschaft manchmal verstummt. Der technische Verfall reißt da und dort Lücken auf, wo vorhin diese Zumutung verknappter, präzise komponierter Botschaften auf uns eingeströmt ist.

Das ließe also Raum für andere Erzählungen, wenn etwa so ein elektrifiziertes PR-Maschinchen stillsteht und als Torso erhalten bleibt, wie ein verkommener Bildstock, der uns nichts mehr mitzuteilen vermag...

-- [Das 2017er Kunstsymposion] --

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