29. Juni 2019

Ich habe mich vor Jahren schon einmal augenzwinkernd selbst gefragt: Hatte ich bereits eine Karriere? Was hat man, wenn man eine Karriere hat? Freilich hab ich eine. Es ist das französische Wort für Laufbahn. Wenn aber jemand Karriere gemacht hat, wird das bloß erwähnt, falls es eine Spitzenlaufbahn ist. Deshalb gibt es ja auch eine Karriereleiter, die jemand erklimmen kann.

 

Oktober 2003: Mit Josef Schützenhöfer in Pöllau

Vor diesem Hintergrund hat sich in meinem Milieu die Bohème erledigt. Das Antibürgerliche als ein auffallendes Element im künstlerischen Dasein ist aufs Altenteil gerückt. Zwei markante oststeirische Positionen sind dabei derzeit noch vom Maler Josef Schützenhöfer und vom Graphic Novelist Chris Scheuer besetzt.

Das häufigere Rollenmodell verkörpert Richard Frankenberger, der bei allem erkennbaren Talent vor allem Lehrer geblieben ist, ein Typ Lehrer, der sich in endlos langen Reden Raum nimmt. Die Region bietet auch kuriose Wesen einer kategorialen Zwischenwelt. So besteht etwa der Handwerker Richard Ludersdorfer darauf, ein Künstler zu sein, was sich freilich nur in einem kleinbürgerlichen Milieu durchsetzen läßt, wo sein esoterisches Gepränge kein weiteres Erstaunen auslöst, wo seine Eifer im Epigonalen als Originalität verstanden wird.

Faktisch bleibt unterm Strich die Attitüde nachrangig. Es zählt die Qualität der Arbeit. Das trennt Spreu vom Weizen. Im regionalen Kulturbetrieb dominieren derzeit die Kunstsimulationen, jene rührenden symbolischen Akte, die einen legitim vorgebrachten Abstand zum Zweckrationalen ausdrücken, zur Alltagsbewältigung. Aber es ist dann vielfach der Mangel an qualitativ relevanten Arbeiten, der diese Positionen als Positionen der Kunst schwächt bis löscht.

Was alle diese Vorkommnisse verbindet, ist ein völliges Fehlen kritischer Debatten. Dazu bringt schrulliges Benehmen, bunte Verhaltensoriginalität, ein materiell bescheidenes Leben keinerlei Bonus. Ich sehe das zwar in den Reihen unserer Kinder anders vertreten, aber in meiner Generation hat sich ein kurioser Katalog dessen durchgesetzt was man heute bürgerliche Tugenden nennen könnte, genauer: kleinbürgerlicher Tugenden. Zum Beispiel:

Sei nicht ohne gute Position!
Sei nicht ohne gesicherte Freizeit!
Sei nicht erschöpft!
Sei nicht pleite!
Sei nicht unaufgeräumt!
Sei nicht schlecht gekleidet!
Sei nicht ohne Auto!
Sei nicht zimperlich!
Sei nicht abgebrüht!
Sei nicht anmaßend!
Sei nicht ignorant!
Sei nicht unverblümt!

Die vorherrschenden sozialen Paradigmen unserer Verhältnisse sind mir klar. Die kulturpolitischen Paradigmen werden wohl evident sein, aber ich kann sie momentan noch nicht entschlüsseln. Ich möchte aber für alle Fälle vermuten, Autonomie sei derzeit ein gefährdetes Kulturgut. Sie zählt zu den symbolischen Gütern menschlicher Gemeinschaft; dieser Traum, sich seine Regeln selbst zu geben. Ich muß annehmen, dieses Gut sei ein Echo, eine gedankliche Konsequenz, wenn man etwa den Überlegungen von Immanuel Kant folgt, daß es ja möglich wäre, sich seines Verstandes ohne Anleitung durch andere zu bedienen.

Ich hätte natürlich nicht für möglich gehalten und hab daher nicht kommen gesehen, daß jenes „Sapere aude“ zur Makulatur werden könnte oder wenigstes zu einem Artefakt fürs Museum. (Kant, in die Tonne getreten.) So bestätigt sich, was mir eine einst gute Freundin geflüstert hat, indem sie feindselig wurde: Ich sei zu einem antiquierten Wesen geworden.

Ich stimme dieser Einschätzung zu, kann aber vorerst nicht finden, was daran anrüchig sei. Im Gegenzug bleibt mir schleierhaft, worin genau eine derzeitige „Modernität“ bestünde und woran man diese erkennen könnte. (Vielleicht reicht dazu Abschätzigkeit, um einen Unterschied zu machen.)

Ich muß das mit Matthias Marschik noch ein wenig ausloten, da er meint, Leute wie wir würden als Negativfolie gebraucht werden. Geht es nun bloß darum, noch zu wissen, was der Begriff Dialektik meint? Das hatte mir nämlich Franz Wolfmayr vor einer Weile in Erinnerung gerufen. Wir hätten uns davon verabschiedet, eine Ahnung von Dialektik zu haben sowie eine gelingende Praxis in der Befassung mit Gegensätzen.

Ich hänge in all dem grade einer alten Marotte nach. Als mich 1992 der Salzburger LKW-Fahrer von meinem Motorrad geholt hatte und ich einen Gang durch die Unterwelt absolvieren mußte, war mir hinterher daran gelegen, bis in Details zu erkunden, was mit mir auf dieser abwegigen Strecke geschehen war. Eine penible Recherche half mir, den Schrecken zu bannen.

Genau danach ist mir nun auch in diesem weitreichenden Umbruch, in diesem Splittern und Brechen unserer Verhältnisse; nach einer peniblen Recherche, was es mit mir, was es mit uns gemacht hat, um den Schrecken zu bannen.

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