19. Oktober 2021

Europa entschlüsseln III

Vorweg diese eher rhetorische Frage: Finden wir im Haus Habsburg mit seinem klaren Bekenntnis zu Katholizismus geistige Väter und Wurzeln der ÖVP, die freilich erst 1945 gegründet wurde? (Und ist man sich in meiner Umgebung der Bedeutung des „Korneuburger Eides“ bewußt? Gut. Danke!)

Gestern stand ich mit einigen gutgelaunten Leuten auf der Straße um einen offenen Kanalschacht herum. Wir unterhielten uns über das aktuelle politische Klima, die blühenden Marx-Deutungen und darüber, daß man über das 20. Jahrhundert auf jeden Fall sagen könne: von der Monarchie über die Tyrannei führte der Weg in die Demokratie durch ein Meer von Blut.

Blieb dabei auch nur eine der politisch wirksamen Formationen in Unschuld, ohne Blutflecken und ohne hinterher bezüglich ihrer geistigen Väter so manche Erklärung finden zu müssen? Mir fiel keine wesentliche politische Bewegung ein, über die man das behaupten könnte; den Vatikan eingeschlossen.

Nun zum Gedankenexperiment, das ich gestern avisiert habe. Ich kritisiere die Behauptung, das „Kommunistische Manifest“ sei eine Art Anleitung zur Menschenverachtung, denn das halte ich für eine Unterstellung. Gut, ich verstehe, daß etwa erregte ÖVP-Kräfte das historische Dokument so deuten, um daraus unter anderem die Legitimation zu beziehen, heute eine politische Konkurrenz wie die KPÖ mit Berufung darauf zu diskreditieren.

Das ist zwar eine politisch schwache Nummer, aber wenn es gerade für mehr nicht reicht… Ich wünschte, diese ÖVP-Kräfte hätten bessere Argumente. Geschenkt! Übernehmen wir zur Übung deren Methoden der Textkritik und wenden sie auf ein Dokument aus der gleichen Ära wie das „Kommunistische Manifest“ an.

Meine Schlüsselfrage lautet: Enthält das Dokument eine Anleitung zur Menschenverachtung und zu unethischem Verhalten? Ist es eine Empfehlung an die Herrschenden, Menschen Unrecht zu tun?

Ich beziehe mich auf eine Denkschrift des Aristokraten Dr. Josef Neupauer, auf das 1884 publizierte „Viribus unitis: Wie könnte die europäische Cultur nach Bosnien verpflanzt werden?“ (Sie wissen, daß „Viribus unitis“ der Wahlspruch von Kaiser Franz Josef I. war?)

Neupauer gibt seiner apostolischen Majestät detaillierte Tips, wie man die südslawischen Eliten korrumpieren kann, die moslemischen und die orthodoxen auf unterschiedliche Art. („Der griechische Priester ist glücklicher Weise arm und daher bestechlich.“)

Der Autor empfiehlt, aus den osmanischen Provinzen Bosnien und Hercegovina eine Firma zu machen, die seinen Leuten Profite verspricht: „Es wird eine Actiengesellschaft mit einem Actiencapitale von 30 Millionen Gulden unter der Firma »Zadruga« mit dem Sitze in Wien gebildet…“ (Allein die Firmenbezeichnung „Zadruga“ ist von erlesenem Zynismus.)

Ich meine daher, gegen solche Empfehlungen waren Marx und Engels mit ihrem Manifest Chorknaben: „Das Verwaltungsgebiet der occupirten Länder garantirt die Rückzahlung des Actiencapitals sammt 5% Interessen innerhalb 50 Jahren. Der »Zadruga« wird das Recht eingeräumt, auf dem Occupationsgebiete ein im voraus festgesetztes, zusammenhängendes Terrain bis zur Maximalausdehnung von 250 Quadrat-Meilen dergestalt successive, nöthigenfalls durch Expropriation zu acquiriren, dass nicht nur aller Grund und Boden, sammt Häusern, Bergwerken und Industrie-Etablissements, sondern auch alle Communicationen, Strassen, Wasserwege etc., etwa mit Ausnahme der bereits bestehenden Eisenbahnen, in deren Privateigenthum übergehen.“

Lesen Sie das gesamte Dokument in Ruhe durch, es hat moderate Länge: [Quelle] Neupauers Denkschrift von 1884 entstand in der Folge einer Okkupation Bosniens und Hercegovinas durch Österreich im Jahr 1878: der Okkupationsfeldzug. Derlei Expansionsbestrebungen machen einen Teil der Ursachen für die Schüsse von Sarajevo, das österreichische Ultimatum an Serbien und die ersten recht stümperhaften Schläge des Großen Krieges aus.

Mein Argument: Wer in den Reihen der ÖVP geltend macht, politische Funktionstragende, welche in einer ideologischen Tradition zu Marx und Engels stehen, sollten demissionieren, darf sich in jene Reihe stellen, wo diverse Neupauers als geistige Väter und ein Regent wie Franz Josef einst den Anlaß für Millionen Tote schufen, denn Gavro Princip war dafür bloß der Vorwand. Und Tschüss! [Fortsetzung]

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