13. April 2022

Dilemmata

Ich bin überzeugt, es macht einen essentiellen Unterschied, ob Teile eines Volkes vertrieben werden oder ob eine Ethnie ausgelöscht werden soll; wie es etwa China mit den Uiguren durchsetzt. (Putins Kamarilla wird nicht müde zu betonen, die ukrainischen Leute seien ja eigentlich Russen.)

Ich bin überzeugt, jener Pazifismus, der heute zu mir spricht, wäre einst nicht in der Lage gewesen, Auschwitz abzustellen, Mauthausen, Treblinka, oder das von den Ustaschen errichtete Lager Jasenovac. Wenn der Faschismus erst einmal in Waffen steht, muß er militärisch geschlagen werden.



In Jasenovac wurde systematisch getötet

Was wir in der Mitte des 20. Jahrhunderts überprüft und geklärt hatten, konnten wir Ende des 20. Jahrhundert noch einmal herausfinden. Wäre das serbische Regime nicht militärisch geschlagen worden, wer hätte Keraterm, Omarska, Trnopolje dichtgemacht? Wer hätte Srebrenica verhindert oder die Toten im Raum von Prijedor geschützt, als sie noch lebten?

Wenn der Faschismus in Waffen steht, seine Streitkräfte über Menschen herfallen, müssen diese Kräfte abgeschreckt, also vertrieben, oder entwaffnet werden. Wir sehen derzeit am Regime Putins, daß dessen Soldaten realisieren, was wir vom Untergang Jugoslawiens kennen.

Die Angehörigen eines souveränen Staates werden mit Schrecken übergossen. Das Ermorden von Zivilpersonen, das Vergewaltigen von Frauen und minderjährigen Mädchen als Terrormaßnahme, der Ansatz zu ethnischen Säuberungen, die umfassende Zerstörung von Infrastruktur; all das garniert mit dem Einsatz auch geächteter Waffen wie Streumunition.



In Omarska wurde systematisch getötet

Wer mir heute die Völkerrechtsverletzungen und Verbrechen der Regime Amerikas referiert, kommt damit bei mir zum falschen Zeitpunkt an und drückt sich vor ein paar einfachen Klarheiten. Unsere Dilemmata. Wir haben es leicht, den Leuten der Ukraine zu empfehlen, daß sie aufgeben und sich Rußland ergeben mögen. (Haben wir das seinerzeit den Leuten in Bosnien oder den albanischen Leuten des Kosovo gegenüber Serbien auch empfohlen?)

Menschen meiner Generation mußten bloß mit den Traumata ihrer Eltern und Großeltern zurechtkommen. Das hat mich in einigen Punkten bis heute nicht losgelassen, hat Spuren in mich gegraben, die nach über sechzig Jahren noch leuchten und schmerzen. Wir also wollen den von Schandtaten und Gewalt gezeichneten Menschen der Ukraine jetzt zurufen: „Ergebt euch!“?

Das ist obszön. Wir haben keine relevanten Ratschläge für diese Leute. Wir haben derzeit noch nicht einmal valide Ratschläge für uns selbst.

Ich hab eingangs erwähnt: so der Faschismus in Waffen steht, muß er militärisch geschlagen werden. Und er könnte gar nicht erst bewaffnet sein, wäre er schon vorab ideologisch geschlagen worden. Wie weit wir damit sind, wir Friedenskinder Österreichs, zeigt mir die Gleisdorfer Unruhe.

Da haben in der Oststeiermark die Kinder, Enkel und Urenkel der Nazi-Horden eine merkwürdige Allianz mit Kindern, Enkeln und Urenkeln der Roten Armee geschlossen, feiern Österreichs Republik als Diktatur. Siehe dazu meine Glossen unter „Diskurs: Demokratie“!



Im Raum Projedor wurde systematisch getötet

Was sich inzwischen als benennbare Gegenposition formiert hat, ist nach Monaten noch immer nicht gerüstet, öffentlich auf das zu antworten, was sich derzeit in Gleisdorf als präfaschistische Kraft etabliert hat. Woran ich Maß nehme, wenn wir von Faschismus reden? Ich unterscheide gerne zwischen dem historischen Faschismus (mit seinen primären Kräften im Holocaust) gegenüber dem Neofaschismus, dem ich wenigstens eine österreichische Partei zurechne.

Die aktuellen Kriterien habe ich von Umberto Eco bezogen, dessen Theorie vom zeitlosen Urfaschismus ich überzeugend finde; siehe dazu: „Gleisdorf: Betrachtungen #10“. Zur Einschätzung von Putins Position nütze ich Kommentare von Leuten wie Timofey Sergeytsev via RIA Novosti, einer der größten staatlichen Nachrichtenagenturen Rußlands und schon der früheren Sowjetunion. (Die Texte lasse ich mir von Software aus dem Russischen übersetzen.)

+) Mai acht
+) Asien und der Rest

Postskriptum
Ich zitiere Sergeytsev: „Die gerechte Bestrafung dieses Teils der Bevölkerung ist nur möglich, wenn er die unvermeidlichen Härten eines gerechten Krieges gegen das NS-System erträgt, der so sorgfältig und umsichtig wie möglich gegenüber Zivilisten geführt wird. Die weitere Entnazifizierung dieser Masse der Bevölkerung besteht in der Umerziehung, die durch ideologische Unterdrückung nationalsozialistischer Einstellungen und strenge Zensur erreicht wird: nicht nur auf politischem Gebiet, sondern zwangsläufig auch auf kulturellem und pädagogischem Gebiet. Durch Kultur und Bildung wurde eine tiefe Massennazifizierung der Bevölkerung vorbereitet und durchgeführt, abgesichert durch das Versprechen von Dividenden aus dem Sieg über das NS-Regime…“ [Quelle]


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