25. Dezember 2022

Das Jahr. Der Ausklang.

Ich nehme ganz gerne das Jahr 1900 als Referenzpunkt, ab dem sich unübersehbar feststellen läßt, daß die Arbeiterbewegung und daß die Frauenbewegungen unsere Gesellschaft radikal verändert haben. Dem war mit der Gründerzeit eine Phase vorangegangen, in der sich die alten Eliten – Adel und hoher Klerus – mit einem wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertum arrangieren mußten. Jene aufstrebenden Kreise stellten politisch und kulturell Ansprüche, setzten neue Konventionen durch, deren Spuren ich noch heute in meinem persönlichen Umfeld als Variationen entdecken kann.

Wie einst das Bildungsbürgertum sich gegenüber dem Besitzbürgertum mit Minderwertigkeitsgefühlen herumschlagen mußte, tut es mein Milieu heute ähnlich. Die Steiermark ist stärker denn je von Kräftespielen geprägt, in denen sich ein Metier als „freie“, wahlweise „autonome Initativenszene“ hervortut, dabei aber eine massive Tendenz zum „staatsnahen Betrieb“ entwickelt hat, weil ein hoher Anteil dieser „Szene“ ohne staatliche Gelder längst verschwunden wäre. (Und das soll keine Gesten der Unterwerfung hervorbringen?)


Um das zu stabilisieren, entfallen kritische Diskurse weitgehend, Verwaltungskräfte drängen sich in den Rang primärer´Kräfte nicht nur der Kultur, sondern auch der Kunst. Wir sind zur nächsten Bourgeoisie geworden, haben „Das Prekariat“ zum soziokulturellen Kameradschaftsbund stilisiert und feiern vor allem eine „Bonmot-Kunst“. (Damit meine ich Oeuvres, die sich meist in einigen Wow-Effekten erschöpfen.)

Ich hab, wie eingangs angedeutet, Arbeiter- und Frauenbewegungen über viele Jahre als eindrucksvolle Gemeinschaften bestaunt, die den Lauf der Dinge verändern konnten. Ich sehe vor allem die Frauenbewegungen heute noch als maßgebliche Triebkräfte, um diese vorherrschende Männerkultur in ihren problematischen Defiziten zu korrigieren.

Auf kuriose Art habe ich jetzt erst durch den Soziologen Karl Mannheim verstanden, wovon solche Veränderungsschübe im Grunde handeln. Nicht etwa davon, daß Frauen auf die Männer verändernd zugreifen, sondern indem sie sich selbst definieren. Das ist die Basis einer Selbstermächtigung.

Ich weiß, das hätten mir kluge Frauen schon vor Jahrzehnten sagen können; genauer: es liegt ja in unzähligen Publikationen vor. Aber ich hab es nicht verstanden. Und ich hab auch nicht entschlüsseln können, wie Frauenbewegungen und Arbeiterbewegung zusammenhängen, was das Proletariat darin für eine Rolle gespielt hat.

Mannheim verweist markant auf den „Beginn des Konflikts zwischen der traditionellen und patriarchalischen Interpretation der weiblichen Rolle und den Ansichten, die Frauen von sich selbst bildeten“. Ein Hinweis auf „die männliche Kontrolle der weiblichen Meinungsäußerung“; bei all dem aber auch die Warnung, „dass eine Demokratisierung in ihrer ersten Phase keine Gleichheit und universelle Gleichgesinntheit erzeugt, sondern die Gruppenunterschiede verstärkt.“

Ich denke, das berührt einen Problembereich meines Metiers und arbeitet einer konservativen, einer überholten Deutung in die Hände, der wir bei der Wissens- und Kulturarbeit ausgesetzt sind, natürlich auch in der Kunstpraxis. Ich vermute, es läßt sich sogar belegen, daß wir stellenweise in eine Kumpanei mit jenen Leuten verstrickt sind, deren Handlungsweisen wir als Quelle der Probleme unserer Berufsfelder anprangern.

Da liegen nun etliche Debatten hinter mir, die verschiedene Themenschwerpunkte hatten. Eines aber haben sie alle: dieses Fazit, daß ich genau da, wo ich stehe, daß ich für diese zwei Fußbreit Boden Verantwortung übernehmen und den Lauf (meiner) Dinge bestimmen kann. Das muß vorerst offenbar genügen.

+) Die neue Bourgeoisie

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