26. Februar 2023

Sie hören nicht hin!

Ich bestaune, mit wie viel Häme und Abschätzigkeit unsere Youngsters bedacht werden, wo sie sich mit ein paar radikalen Schritten gegen so manchen Lauf der Dinge wenden. Man könnte solcher Courage mit einem Hauch von Respekt begegnen, zumindest anerkennen, daß einzelne unserer Kinder den Mumm haben, vieles von dem in Frage zu stellen, was wir ihnen bereitet haben.

Wo sie dabei allenfalls über die Stränge schlagen, darf ich meine Generation darauf verweisen: Wir hören ja sonst nicht hin. Muß ich erst Listen von Beispielen erstellen, wo bewährtes Funktionärstum und andere Arten der Arriviertheit sich gegen Einwände taub machen, auf Kritik auch mit Zynismus reagieren oder – noch schlimmer – mit unredlichen Sanktionen?


Ich kann den Youngsters jederzeit bestätigen, daß Legionen von „Autoritäten“, die dieses oder jenes Gemeinwesen lenken, einfach nicht zuhören, daß sie den Dissens als Anfeindung werten und Andersdenkende notfalls auch mundtot machen, wo ihnen das möglich erscheint.

Wer sich mitten im Straßenverkehr die Hand auf den Asphalt klebt, nimmt ein Maß an Risiken in Kauf, das mir imponiert. Körperliche Strapazen, Schmerzen, Demütigungen aller denkbaren Art, wozu unsere vaterländischen Kräfte auch schon empfohlen haben, die Kinder anzupissen.

Wenn ich sie Kinder nenne, dann nicht, um sie klein zu machen, denn das sind junge Erwachsene. Aber ich bin Teil einer anderen Generation, bin ein Vater und hab mit meinen 67 Jahren bloß noch einen überschaubaren Zeitraum vor mir, für den ich annehmen darf, daß jenes Wohlstandsniveau, welches man in unserer Gegend immer noch genießen darf, nicht völlig wegbrechen wird.

Doch unsere Kinder werden mit einer Welt zurechtkommen müssen, deren Belastungsmomente wir uns gar nicht vorstellen möchten. Ich verstehe gut, daß nun jene Kinder mehr werden, die sich für kommende Schritte keinen redlichen Diskurs erwarten, keine Streitgespräche, in denen es um Erkenntnisgewinn ginge. Sie wissen längst, daß etablierte Kräfte sie lieber schweigsam haben möchten.

Also tun sie Dinge, mit denen man Erwachsene in Rage bringt. Sie beeindrucken mich mit ihrem Mumm, individuell Schläge in Kauf zu nehmen, physische und psychische Gewalt einzustecken, in deren Ausübung sich „brave Bürgerinnen und Bürger“ entlarven.

Als Vater sehe ich das so: mein Kind kann sich entweder erfolgreich gegen die Quelle von Bedrohung wenden, oder es muß solche Kräftespiele gegen sich selbst richten. (Wie sowas ausgeht, wenn ein Kind sich selbst zu zerstören beginnt, habe ich schon aus der Nähe gesehen.)

Wir sind eine Gesellschaft, in der innerfamiliäre Gewalt ungebremst boomt. Wenn ich nicht irre, ist Österreich nach wie vor das einzige Land Europas, in dem mehr Frauen als Männer ermordet werden. Die Gewalt gegen Kinder und Frauen darf man durchaus als österreichische Folklore bezeichnen.