15. März 2023

Der hybride Krieg VII

Was unsere Nation sei, wird einmal mehr durch laufende Debatten geprägt, durch öffentliche Diskurse. Zum hybriden Krieg gehört untrennbar Propaganda. Der Krieg der Worte. Dazu zählt, was ziemlich jung ist, ein tägliches Experten-Gewitter via Social Media. Daran wirken nicht bloß reale Menschen mit, sondern auch Bots (Software). Dazwischen wird der öffentliche Raum auf konventionelle Art mit Botschaften bespielt; sei es mit Plakaten, sei es mit Stickers (Pickerln) oder handgeschriebenen Nachrichten. (Siehe dazu: „Pickerl-Match“!)



Relationen: Österreich zu Europa, zu Eurasien

Ein etwas infantiles Motiv erweist sich in diesen Debatten als ungebrochen populär. Da träumen sich Leute eine „Festung Österreich“ als Teil einer „Festung Europa“. Um das aufzuwärmen ist jede neue Krise gut, jede Flüchtlingswelle, jegliches Terrorereignis. Wann immer ein politisches Genie keine nützliche Idee hat, wie auf aktuelle Problemlagen Europas klug reagiert werden könnte, kommt das Bild der Festung. (Hat ja im Mittelalter auch geklappt, könnte wieder funktionieren.)

Es gibt sogar Leute, die so einen Mumpitz plakatieren lassen. Das zeigt – wie angedeutet - ein Denken, als wäre Österreich eine mittelalterliche Stadt. Einfach die Zugbrücken hochfahren und die Stadttore verriegeln. Oder? Ich empfehle angesichts so törichter Vorschläge („Festung Österreich“) manchmal einen Blick auf die Geschichte der oststeirischen Stadt Fürstenfeld. Sie war einst Festung in einer gefährlichen Randlage. Die Anforderungen und Kosten sind erdrückend gewesen. Der Sicherheitsgewinn war nur mäßig.



Festung Fürstenfeld im 17. Jahrhundert

Ist Ihnen der Begriff Militärgrenze geläufig? Das war eine dünn besiedelte Zone, die das Osmanische Reich von dem der Habsburger trennte. Wer sich dort ansiedelte, war oftmals seines Lebens nicht sicher. Dafür gab es Privilegien, die so ein bedrohtes Leben anscheinend lohnend erscheinen ließen, sogenannte „Grenzer Privilegien“.

Die Zonen der Militärgrenze blieben teilweise von wichtigen Handelswegen durchzogen, welche etwa für den Transport von Fleisch und anderen Nahrungsmitteln unverzichtbar waren. Die „Confin“ (Militärgrenze) betraf gesamt eine maximale Länge von zirka 1.800 Kilometern und war um 1848 ungefähr 48.000 bis 50.000 Quadratkilometer groß, auf österreichischer Seite der Lebensraum von rund 1,25 Millionen Menschen.

Zum Vergleich: Österreich hat zirka 83.900 Quadratkilometer Fläche, die von rund 2.500 Kilometern Grenze umschlossen werden. Dieses Territorium wird von knapp neun Millionen Menschen bewohnt. Faktum: Selbst nach einer langen Geschichte der wiederholten Bedrohung durch osmanische Truppen, der wiederkehrenden Überfälle durch Aufständische und Freischärler, durch Renner und Brenner, kam man vom Konzept einer regionalen „Festung“ ab und suchte andere Lösungsansätze.



Polkitische Genies allerorts

Interessantes Detail: „Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich die Funktion der Militärgrenze sukzessive zu wandeln. Anstelle der Abwehr plündernder Horden traten nun andere Aspekte und Bedrohungen in den Vordergrund. Schon mit dem Frieden von Passarowitz 1719 wurden die Aufgaben der Grenzer um die Seuchenbekämpfung erweitert, auch wenn diese Aufgaben vorerst nur Nebenaufgaben darstellten.". (Xenia Havadi)

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Militärgrenze allerdings in allen Belangen überlebt. Bis bis 1881 wurde die Militärgrenze schrittweise abgebaut und das Gebiet zivilen Verwaltungsstellen übertragen. (Christoph Pöll) Wer mir demnach heute eine „Festung Österreich“ empfehlen möchte, kennt offenbar dieses Österreich nicht, seine Geschichte und den Stand der Dinge. Aber das gehört eben zu einem hybriden Krieg. Er ist auch einer der Phantasmen und Kompetenzmängel.

+) Eurasien