19. August 2023

Die Praxis des Kontrastes

Ich habe gelegentlich mit sehr wohlhabenden Menschen zu tun. Das bedeutet, zwischen meinem Lebensstandard und den mir verfügbaren Mitteln besteht zu deren Möglichkeiten ein erheblicher Kategorienunterschied.

Sowas kann sich materiell auf sehr unterschiedliche Art mitteilen. Wenn ich mit wohlhabenden Menschen zu tun habe, dann deshalb, weil wir gerade das Interesse an einem bestimmten Thema teilen.



Darf es was für € 310.000 sein? Ferrari 296 GTS

Dabei wiegt diese Befassung mit dem Thema und nicht der soziale Kontrast zwischen uns. Es ist ganz naheliegend, daß wir über solche Markierungen hinweg meist auch eine Reihe weltanschaulicher Fragen höchst unterschiedlich bewerten und beantworten würden.

Wer daran hängenbliebe, würde jegliches Einvernehmen ruinieren. Vieles wird möglich, wenn man sich bei diesem simplen Ausgangspunkt treffen kann: Was uns trennt, finden wir leicht heraus. Dann bleibt aber interessant, was wir teilen, worin wir übereinstimmen können.



Wiesmann Roadster: Nett, hm? Danke! Macht 120.000 Euronen!

Dieser Modus birgt einen wichtigen Stein in seinem Fundament: Dissens ist anregend. Wer dagegen meint, man könne irgendeine Art von Wahrheit generieren, indem man einfach Widersprüche eliminiert, läuft ins Leere; oder ins Reich der Esoterik.

Daher sehe ich interessante Möglichkeiten in unseren Kontrasten, wenn man das Trennende lächelnd hinnehmen kann, um Gemeinsames zu suchen, wenn man Dissens nicht bloß erträgt, sondern zu nutzen weiß. Dazu eines meiner Lieblings-Bonmots aus Krusches kleinem Handbüchlein bewährter Mantras. „Intelligenz ist die Fähigkeit, über zwei einander widersprechenden Aussagen nicht den Verstand zu verlieren.“

Jetzt hab ich mich langsam dem angenähert, was jüngst in meiner Facebook-Timeline bezüglich Ingo Alton festzustellen war. Während ich kein Auto besitze, hat er eine ganze Reihe davon. (Auf denen steht Ferrari, Jaguar, auch in einem Bentley hab ich ihn schon gesehen.)



Für 100.000 Mücken zu haben: Porsche 718 Spyder

Ich wohne zur Miete und hab als Künstler naturgemäß grade mit Knappheiten umzugehen. Alton bewohnt ein stattliches Anwesen und muß wohl nicht überlegen, ob er bei nächster Gelegenheit volltanken kann. Damit genug der anschaulichen Referenzpunkte. Es muß klar sein, daß zwischen ihm und mir eine erhebliche soziale Distanz besteht.

Zwingt uns das, auf einen achtsamen Umgang miteinander zu verzichten? (Einmal dürfen Sie raten!) Wenn wir uns begegnen, ohne einander mit Ressentiments zu behelligen, dann bedeutet das, ich komme mit Belangen in Berührung, die ganz außerhalb meiner Alltagserfahrungen liegen.

Zur Sache im Kern
Es gibt Autos, die kosten zwischen € 250.000 und € 400.000 Euro. Sie verschlingen jeweils pro Monat gut einen Tausender an Unterhaltskosten und man möchte gar nicht wissen, was für Ersatzteile hingelegt werden muß. Mir ist völlig klar, daß manche Menschen das als provokant empfinden.



Ein Dodge Roadster für € 100.000? Z.B. die Viper SRT-10.

Davon lasse ich mir nun mein Interesse an solchen Maschinen nicht nehmen. Wer das als Anlaß für eine Diskussion sieht, muß mir darlegen, welche Debatte wir nun führen sollen. Ökologie und Zugriff auf Ressourcen? Verteilungsgerechtigkeit? Beiträge zum Gemeinwesen? Standesdünkel? Mobilitätsgeschichte? Welches Teilthema darf es denn sein?

Das will ich konkret wissen, sonst sind Debatten sinnlos, während ich es umgehend sanktioniere, wenn mir jemand völlig konzeptlos seinen oder ihren Unmut in die Timeline rotzt.

Wer sich auskotzen möchte, möge Geld in die Hand nehmen und einen Profi bezahlten, der sich das anhört. Ich bin niemandes Mülltonne. Ich muß darauf bestehen, daß jemand seine Gründe nennt und einen nachvollziehbaren Diskurs in Kauf nimmt.

+) Schelchenberg 2023

(Post Skriptchen: das teuerste Auto, das ich je besaß, hat 4.000 Euro gekostet.)