3. Dezember 2023

Leben in der Kunst

Wenn ich mit Graphic Novelist Chris Scheuer über Kunst rede, genauer: über ein Leben in der Kunst, wird unübersehbar, daß wir beide völlig Old School sind. Ich hab in letzte Zeit ein ganze Reihe solcher Gespräche geführt, um auf eine taugliche Standortbestimmung zu kommen.

Man kann wissen, daß ich jene „Primäre Kräfte“ nenne, die den künstlerischen Content erarbeiten. Auch die Oststeiermark ist von allerhand rührigen Wesen belebt, die sich auf primäre Kräfte gerne draufsetzen, die verwerten, was andere erarbeitet haben.

Es ist okay, wenn faire Bedingungen gesichert sind und der Leistungsaustausch stimmt. Doch dies ist ein Feld häufiger Asymmetrien. Mich beschäftigt das gerade verstärkt, weil ich begonnen hab, die Kulturspange Gleisdorf zu definieren.


Und das, seien Sie versichert, ist ein Ensemble primärer Kräfte. Die Sache hat keine Trittbretter, auf denen man einfach mitfahren könnte. Aber zurück zu Scheuer und unserem jüngsten Gespräch. Was meint den Old School, wenn wir vom Leben in der Kunst reden?

Es meint das Obsessive, das Handwerk und Inhalte, Inhalte, Inhalte. Es meint: sein Metier kennen und sein Handwerk beherrschen. Das macht den Unterschied zu zahlreichen Hobbykräften, deren Chuzpe, den Begriff Kunst zu kapern, inzwischen oft lustige Blüten treibt.

Es gibt Momente, die kann man nur mit Unhöflichkeit abwehren. Bei Chris ereignet sich das gelegentlich rund um den Satz „Ich male auch.“ Ich kenne diese Variante: „Ich schriftle auch.“ Wieso auch? Ich schriftle nicht. Ich bin Autor und produziere Literatur.


Pose ist nur für jene wichtig, die sich Werke aus dem Wanst schneiden, um als Künstler gelten zu können. Würden Sie Chris auf der Straße begegnen, kämen Sie nicht auf die Idee, daß er ein Künstler ist. Man sieht es ihm nämlich nicht an. Kein Kostüm. Kein lustiges Hütchen. Kein Begabten-Schal. Keine schrille Brillenfassung. Keine Klunker an den Fingern. Einfach nur Chris. Das Werk weist ihn aus, keine Pose.

Warum dann all das Getue? Ich denke, wir haben es dem aufstrebenden Bürgertum der Renaissance abgeschaut. Es war eine Frage von Wirtschaftskraft und Rang, um sich solchen Kreisen anschließen zu können. Es war eine Frage von Prestige, sich als kunstsinnig zu erweisen.

Das zeigt uns auch der Fin de siècle. Klimt, Schiele und Konsorten wären uns ohne ein wohlhabendes, kunstsinniges Bürgertum womöglich nicht bekannt. Genau das hat sich in einigen Kennbereichen bis heute nicht geändert. Der Kunstmarkt wird nicht von Kunstschaffenden bestimmt.


Aus solchen Zusammenhängen stammen dann zum Beispiel Ambitionen, sich mit der Duftmarke Kunst im eigenen Prestige aufzuwerten, wo man mit herkömmlichen Talenten längst die Decke erreicht hat. Da geht dann noch ein bißl was, wenn man die Pose hinbekommt und das Kostüm paßt, wenn man auf Verschwiegenheit hoffen darf, daß also etwa niemand laut ausspricht, wie sehr die Werke solcher Prätendenten nichts taugen.

Muß uns das scheren? Es muß! Weil die posierenden Hobbykräfte Budgets vom selben Markt abholen, auf dem wir unser Brot verdienen. Ich nennen das Schmutzkonkurrenz. Leute sagen mir, so seien die Menschen eben und die Wirtschaft sei auch so, schmutzige Konkurrenz gelte als der Normalfall. Ist das so?

+) Kulturpolitik (Notizen)

Postskriptum
Es kommt auch vor, daß Scheuer und ich einen Dialog völlig anderer Art hinlegen. Zum Beispiel:
+) Martin Krusche: „es war die gleiche sonne
+) Chris Scheuer: „es war die gleiche sonne