14. Jänner 2024

Die Diskurs-Simulation

Ich habe einen verhaltensoriginellen Bruder, von dem folgender besondere Satz überliefert ist: „Was? Das interessiert dich nicht? Na, das werde ich dir jetzt erklären.“ Nicht unbedingt ein Hinweis auf besondere Sachkompetenz in vielen der Fragen, zu denen er sich gerne äußerte. Man kann es eher als einen Anspruch auf Definitionshoheit deuten.

Ein anderes Beispiel. Der Schnösel vom Kulm. Er ist im Prinzip schweigsam. Außer jemand wird ihm zum Ärgernis, wie es mir passierte, obwohl wir uns davor nicht kannten. Aber eines Tages stieß er via Social Media auf meine Glossen zum „Leben in der Kunst" und beschloß, die Dinge zurechtzurücken. Zumindest per Diskurs-Simulation.


Wie erwähnt, er ist im Prinzip offenbar eher schweigsam, hat selbst kaum etwas zu sagen. Und wenn er etwas sagen möchte, dann ganz gerne, indem er die Aussagen anderer Leute postet. Das Lustige an diesem Mann, sogar für Einwände gegen mich hat er vorzugsweise Sätze von mir verwendet, einmal sogar eine vollständige Glosse.

Das ist in gegebener Form natürlich kein Zitieren, sondern rechtswidrige Werknutzung, was ihm jeder Anwalt gerne bestätigen würde, um ihm dazu eine Honorarnote zu überreichen. Im Kulturvölkchen, das mich um gibt, kommen eben so allerhand schrullige Posen vor. Ich werde dem Schnösel vom Kulm, sobald ich Zeit finde, noch eine eigene Glosse in meiner Reihe „Rechtsruck“ widmen.

Dort habe ich vier Gruppen geschildert, die im derzeit boomenden Neofaschismus Flagge zeigen. Eine grundlegende Typologie: Die Zierfische, die zeitlose SA, eine nächste Bourgeoisie und die Junker.


An Zierfischen konnte ich schon einige schildern. Doch mit dem Schnösel hab ich nun ein Musterbeispiel dessen, was ich mit zeitloser SA meine. Zur Erinnerung, weil das Kürzel vermutlich nicht mehr allen geläufig ist. Die SturmAbteilung der Nazi rekrutierte sich aus Schnöseln, denen es gefiel, die eigenen Leute zu schikanieren, zu bedrohen, nach Laune auch zu verprügeln. (Und die Juden sowieso.)

Diesen Typus finden wir heute ebenso innerhalb des Kulturvölkchens. Derlei Angriffslust, die keine Gründe nennt, weil sie keine Gründe braucht. Solche Unfähigkeit, einen kritischen Diskurs zu führen und Dissens zu ertragen. Drum schweigt er ja auch hauptsächlich, der Schnösel, außer er stolpert über ein subjektiv empfundenes Ärgernis. Also zum Beispiel Juden. Intellektuelle. Dazu noch allerhand Konsorten, denen er sich unterlegen fühlt. Dann, ja dann setzt es was.


Ich hab in meiner Glosse vom 12.1.24 Luce Irigaray mit diesem Satz zitiert: Es gibt keine prädiskursive Realität. Jede Realität begründet und definiert sich über einen Diskurs.“ Den haben wir natürlich auch, wenn jemand so stammelnd und ohne jeden Esprit zuschlägt, seine Argumente durch Fundstücke ersetzt, zusammengeklittertes Geschimpfe. Auch Diskurs-Simulation ist ein Diskurs.

Diese SA-Manieren haben bei uns Tradition. Wie angedeutet, solche Mischung aus Antisemitismus und Intellektuellenhaß war nie weg. Karl Mannheim hat solche Momente in seiner „Soziologie der Intellektuellen“ beschrieben, im Zusammenhang mit Überlegungen zum „Zwecke des Denkens“. Darauf werde ich noch zurückkommen.

Aber im Augenblick wichtiger, es muß für unseren „Archipel“ die nächste Umsetzungsstufe erreicht werden. Das macht viel Arbeit; zumal wir gefordert sind, drei verschiedene Milieus synergetisch zu verbinden. Das Unternehmertum versierter Wirtschaftstreibender, den regulären Kunstbetrieb mit seinem Kulturmanagement und das Subkulturelle. Verschiedene Codes, Prioritäten und Verfahrensweisen. Knifflig!

+) Archipel