16. Februar 2024

Getrennte Lager


Die Befassung mit Kunst hat unter anderem eine Funktion, die einer Art Distinktionsmaschine zugerechnet werden könnte. Da will sozialer Rang produziert, Sozialprestige dargestellt werden. Kunstsinn und Sachkenntnis, verbunden mit hoher sozialer Positiom, waren in der Renaissance Eigenschaften, die man exemplarisch mit Cesare Borgia verbunden hat.

Der amoralische Machtmensch erwies sich durch seine Kompetenzen auch als ein gefragter Ratgeber in Sachen der Kunst, die sehr wesentlich repräsentative Aufgaben hatte. Bis zum Fin de Siecle hatte sich derlei Funktionsgefüge gründlich verschoben. Die alten Eliten, Adel und hoher Klerus, sahen sich mit einem wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertum konfrontiert, das seine Mittel auch in Bildung und Kunst investierte, das eigene Standing damit aufwertete.



Renaissance-Fürst und Kunstkenner Cesare Borgia.

Das geistige Leben einer Metropole wie Wien war zur Gründerzeit sehr wesentlich von einem unternehmerisch versierten Besitzbürgertum geprägt. Das hat sich bis heute alles verlagert. Die symbolischen und auch sozialen Grenzen zwischen Hochkultur und Volkskultur sind längst gefallen.

Kunstsinn und Sachkenntnis, wie sie in der Renaissance dem skrupellosen Fürsten Cesare Borgia zugeschrieben wurden, gesamt einem Milieu, dem sich gebildete Sekretäre wie Niccolò di Bernardo dei Machiavelli angedient haben, bekamen im erwähnten Fin de Siecle eine wesentlich breitere Basis gefunden.

Diese Entwicklung mußte bei uns dann noch durch Kräftespiele der Nazi-Schnösel vorankommen, denen es gefiel, als „entartete Kunst“ zu brandmarken, was sie nicht verstanden. Aber auch das ist Geschichte. Fast!

Dank des gewachsenen Wohlstandes und der freien Zugänge zu Bildungsmöglichkeiten sind Kunstsinn und Sachkenntnis heute auch dem Kleinbürgertum zugänglich und dem, was aus Kreisen des Industrieproletariats hervorgegangen ist.



Der ehrgeizige Sekretär Niccolò Machiavelli.

Im Rahmen all solcher Entwicklungen hat sich spätestens ab dem 17. Jahrhundert ein Bildungsbürgertum herausgeformt, für das zwei soziale Posen typisch sind. Das Kompensieren von Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem Besitzbürgertum mittels erklärter Bildungsideale und die Abgrenzung gegenüber Subalternen, Habenichtsen, die man belehren und erziehen möchte.

Dazu fällt mir nun doch glatt der Schnösel vom Kulm ein. Treffend hat er erkannt, daß ich als Künstler zu jenen Habenichtsen gehöre, die eben noch Subalterne waren. Solchen Milieus hatte er selbst als Volksschullehrer entkommen können.

Nun unterstellt er mir öffentlich und mit Ausdauer vor, was ihn ausmacht. Paternalistisches verhalten eines Halbgebildeten. Aktuelles Zitat des Behelfslyrikers, der gerne reimt, was ihn bewegt:

„Ach, was war ich doch naiv- / dachte noch kürzlich, dass ich tief / gekränkt hätte den Gott der Kunst, / der zu Gleisdorf um die Gunst / kulturbefliss’ner Facebooknutzer / buhlt und als bösen Kunstbeschmutzer / jeden beschimpft, der es gewagt, / dass er was dagegen sagt, / was Seine Verletzlichkeit / als einzig wahr ins Netz gestreut!“



Die "regionale Kulturszene" ist alles andere als halbwegs homogen.

In einem laufenden Diskurs, zumal einem Kunstdiskurs, geht es freilich überhaupt nicht um „Wahrheit“, sondern um das Erkunden von Denkmöglichkeiten und Deutungsmodellen, in denen wir über Bedingungen des symbolischen Denkens Auskunft erhalten. Das schließt den Dissens als wichtige Erkenntnisquelle ein.

Es unterliegt dabei nicht eine Ansicht der anderen. Es erweitern sich so die Denkmöglichkeiten. (Das berührt auch Fragen einer Freiheit der Kunst.) Hinzu kommt: Es sollte kein Problem sein, wenn zwei Menschen zu einer Sache unauflösbaren Dissens haben.

In einer Demokratie ist für alle Auffassungsunterschiede Platz. In der Tyrannei nicht. Weshalb hängt mir also der Schnösel vom Kulm weiter am Hosenbein und reklamiert sich als reale Person mit Klarnamen in meine kleine Serie der Schnösel-Glossen?

+) Kulturpolitik

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