Mir leuchtet ein, was Neurobiologin Leor Zmigrod
notiert hat, daß wir nämlich nicht ein Gehirn haben,
sondern ein Gehirn sind. Dazu konstatierte sie:
„Das erste Prinzip des menschlichen Bewusstseins
ist: Das Gehirn ist ein vorhersagendes Organ. Es
lernt von seiner Umwelt und versucht zu erkennen,
was als nächstes geschehen wird.“ Gekauft!
Wie sehr meine Tage von Momenten durchzogen
sind, in denen ich genau höre, wie etwas in mir
flüstert: Das ist doch eine Geschichte! Es wäre für
mich dann fast schon ein Idealfall, mich darauf zu
beschränken: Flanieren und Bücher schreiben.
Ich hatte eben erst daran gedacht, wie ich als
kleiner Bub zur Ansicht gekommen bin: Ich will ein
Sekretär werden. Das hat dann auch geklappt. Ich
wußte damals ja noch nicht, was ein Schriftsteller
ist.

Aber wenn meine Großmutter Marianne in ihrer Trafik
zu einem stattlichen Herren sagte
„Küß de Hand,
Herr Sekretär“, konnte ich mir etwas
vorstellen. Ist alles so gekommen. Ich bin ein
Schriftsteller in seinem 70 Jahr.
Die Fülle,
von der ich umgeben bin, hat andauernd
beachtenswerte Momente. Ein Beispiel. Da steht eine
Matrone in makelloser Garderobe vor einem
Schaufenster. An der Hand eine Leine mit einem
drahtigen, kurzhaarigen Hund. Sie sagt zu ihm:
„Das ist aber ein schöner Pullover, Andi.“
Oder ich höre im Vorbeigehen einen Mann sagen:
„Ich glaub, ich komm bei Frauen ganz gut an.“
Gehen Sie davon aus, daß der Dramatiker in mir da
die Augenbrauen hebt, während eine kleine Geschichte
aufpoppt.

Ich mag aber auch Ereignisse, die sich komplett
selbst erzählen. So saß ich gestern im Postbus und
beobachtete amüsiert, wie der Fahrer bei einer
Haltestelle zu einigen verlassenen Schultaschen die
richtigen Schlüsse zog.
Er hupte. Dann noch
einmal. Ein drittes Signal war nötig, damit die
Kinder angerannt kamen. Der Fahrer mahnte gut
hörbar:
„Das nächste Mal warte ich nicht mehr.“
Muß man davon erfahren? Unbedingt! Ich
hänge an der Auffassung, dies sei eine
Grundsituation menschlicher Gemeinschaft: Wir
erzählen einander die Welt.