6. November 2025

Von Matronen, Käsbroten und Schulkindern


Ich war gestern in der Nacht noch einmal um den Block gegangen, um etwas von diesem avisierten Supermond zu sehen. Mir wurde keine Sensation beschert. Falscher Ort? Falsche Zeit? Egal! Es gibt genug Erstaunliches.

Es gibt Momente, da beschäftigt mich abends die Konsistenz eines Käsbrotes. Stets tickt dieses karmische Prinzip: Alles hat Konsequenzen, nichts ist egal. Ich empfinde das nicht als einen moralischen Imperativ, sondern als pragmatischen Zusammenhang. Ich muß verstehen, was mich umgibt, um nicht ständig wo dagegenzurennen.


Mir leuchtet ein, was Neurobiologin Leor Zmigrod notiert hat, daß wir nämlich nicht ein Gehirn haben, sondern ein Gehirn sind. Dazu konstatierte sie: „Das erste Prinzip des menschlichen Bewusstseins ist: Das Gehirn ist ein vorhersagendes Organ. Es lernt von seiner Umwelt und versucht zu erkennen, was als nächstes geschehen wird.“ Gekauft!

Wie sehr meine Tage von Momenten durchzogen sind, in denen ich genau höre, wie etwas in mir flüstert: Das ist doch eine Geschichte! Es wäre für mich dann fast schon ein Idealfall, mich darauf zu beschränken: Flanieren und Bücher schreiben.

Ich hatte eben erst daran gedacht, wie ich als kleiner Bub zur Ansicht gekommen bin: Ich will ein Sekretär werden. Das hat dann auch geklappt. Ich wußte damals ja noch nicht, was ein Schriftsteller ist.


Aber wenn meine Großmutter Marianne in ihrer Trafik zu einem stattlichen Herren sagte „Küß de Hand, Herr Sekretär“, konnte ich mir etwas vorstellen. Ist alles so gekommen. Ich bin ein Schriftsteller in seinem 70 Jahr.

Die Fülle, von der ich umgeben bin, hat andauernd beachtenswerte Momente. Ein Beispiel. Da steht eine Matrone in makelloser Garderobe vor einem Schaufenster. An der Hand eine Leine mit einem drahtigen, kurzhaarigen Hund. Sie sagt zu ihm: „Das ist aber ein schöner Pullover, Andi.“

Oder ich höre im Vorbeigehen einen Mann sagen: „Ich glaub, ich komm bei Frauen ganz gut an.“ Gehen Sie davon aus, daß der Dramatiker in mir da die Augenbrauen hebt, während eine kleine Geschichte aufpoppt.


Ich mag aber auch Ereignisse, die sich komplett selbst erzählen. So saß ich gestern im Postbus und beobachtete amüsiert, wie der Fahrer bei einer Haltestelle zu einigen verlassenen Schultaschen die richtigen Schlüsse zog.

Er hupte. Dann noch einmal. Ein drittes Signal war nötig, damit die Kinder angerannt kamen. Der Fahrer mahnte gut hörbar: „Das nächste Mal warte ich nicht mehr.“

Muß man davon erfahren? Unbedingt! Ich hänge an der Auffassung, dies sei eine Grundsituation menschlicher Gemeinschaft: Wir erzählen einander die Welt.


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