Ich versteh Zeit und Komplexität am besten, wenn ich
– wie erwähnt - das laufende Geschehen als eine
Erzählung deute. Das Vielstimmige, aus dem ich
einzelne Erzählstränge herausfiltern kann, aber das
Ganze eher als einen Fluß erlebe, den ich nicht zu
entschlüsseln vermag.
Das geschieht mir auch
auf visueller Ebene. So viel Sehenswertes um mich
herum. Ich muß nicht auf jedem Schritt etwas
bemerken, aber selbst ein kleiner Weg durch die
Stadt liefert mir nachhaltige Eindrücke und ich
nehme davon oft Bilder mit.

Natürlich halte ich auch mein eigenes Leben für eine
Erzählung. Daran ist allerdings neu, daß mich die
Gewißheit des Endes fasziniert. (Und verunsichert.)
Ich hätte gerne eine Ahnung, was das wiegt. Aber in
meiner Kultur sind diesbezügliche Umgangsformen
getilgt worden. Soweit ich sehe, bleiben allgemein
sichtbar bloß Varianten von Begräbniskult. Der Teil
interessiert mich am wenigstens. Dieses Stück
Kulturgut mit seinen bunten Artefakten haben wir bei
Interesse schnell durchdekliniert.
Aber davor
ereignet sich für uns alle etwas, das ich lieber
klarer sehen würde. Wenn ich mit Menschen zu tun
habe, deren Achtziger schon hinter ihnen liegt,
wüßte ich zu gerne: Mit welchem Gefühl bist du in
der Welt? In welcher Verfassung setzt du deine
Schritte?

Ich finde in dieser Erzählung, als die ich das Leben
verstehe, zwei bedeutende Emotionen. Die Liebe und
die Trauer. Also das Gefühl von Zugehörigkeit und
der Kummer über Verlust. Zwischen diesen beiden
Polen sehe ich aufgehoben, was am Leben essenziell
sein mag. Vielleicht ist da gar kein Nutzen, das zu
entschlüsseln. Vielleicht genügt es völlig, diese
Mirakel zu leben.
+)
Übergänge (Das Altern: Wie ein Leben sich erzählt)