22. November 2025

Übergänge


Ich habe nun einen nächsten Themenabschnitt aufgemacht, um mir selbst etwas mehr Klarheit über das Altern zu verschaffen. Dabei bleibt eine meiner Lieblingsideen, diese Ereigniskette so zu begreifen: „Wie ein Leben sich erzählt“. Wollte ich über Zeit etwas aussagen, es wäre mir zu abstrakt. Ich weiß, was mir ein Kalender nützt. Das ist für meine Alltagsorganisation von Vorteil.

Aber diese übrigen Zusammenhänge. Die Fülle und die Komplexität. Ich hab an anderer Stelle eben ein paar Zeilen zum österreichischen Dramatiker Ferdinand Raimund notiert. [Link] Er war 36 Jahre alt, als 1826 sein „Romantisches Zaubermärchen“ erschien, in dem er humorvoll schildert, wie sich die Jugend von einem alten Mann verabschiedet: „Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär“.


Ich versteh Zeit und Komplexität am besten, wenn ich – wie erwähnt - das laufende Geschehen als eine Erzählung deute. Das Vielstimmige, aus dem ich einzelne Erzählstränge herausfiltern kann, aber das Ganze eher als einen Fluß erlebe, den ich nicht zu entschlüsseln vermag.

Das geschieht mir auch auf visueller Ebene. So viel Sehenswertes um mich herum. Ich muß nicht auf jedem Schritt etwas bemerken, aber selbst ein kleiner Weg durch die Stadt liefert mir nachhaltige Eindrücke und ich nehme davon oft Bilder mit.


Natürlich halte ich auch mein eigenes Leben für eine Erzählung. Daran ist allerdings neu, daß mich die Gewißheit des Endes fasziniert. (Und verunsichert.) Ich hätte gerne eine Ahnung, was das wiegt. Aber in meiner Kultur sind diesbezügliche Umgangsformen getilgt worden. Soweit ich sehe, bleiben allgemein sichtbar bloß Varianten von Begräbniskult. Der Teil interessiert mich am wenigstens. Dieses Stück Kulturgut mit seinen bunten Artefakten haben wir bei Interesse schnell durchdekliniert.

Aber davor ereignet sich für uns alle etwas, das ich lieber klarer sehen würde. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Achtziger schon hinter ihnen liegt, wüßte ich zu gerne: Mit welchem Gefühl bist du in der Welt? In welcher Verfassung setzt du deine Schritte?


Ich finde in dieser Erzählung, als die ich das Leben verstehe, zwei bedeutende Emotionen. Die Liebe und die Trauer. Also das Gefühl von Zugehörigkeit und der Kummer über Verlust. Zwischen diesen beiden Polen sehe ich aufgehoben, was am Leben essenziell sein mag. Vielleicht ist da gar kein Nutzen, das zu entschlüsseln. Vielleicht genügt es völlig, diese Mirakel zu leben.

+) Übergänge (Das Altern: Wie ein Leben sich erzählt)


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