8. Dezember 2025

Schlichte Tugenden


Es gibt Felder der Zivilisation, auf denen ich bloß die Ränder erreicht habe. Daran ließ sich über Jahrzehnte nichts Essenzielles verbessern. Der vorbildlich bis passabel geführte Haushalt gilt als Tugend. Und in der Küche sollte man Geschmack zeigen. (Oha! Eine Doppeldeutigkeit.)

Von diesen Werten kann man nicht durch ein paar gute Gedichte im Jahr entbunden werden. Immerhin darf ich gelegentlich einen Hauch solcher Qualitäten erfahren. Wenn ich zum Beispiel verstanden hab: Billige Zitronen verfaulen, gute Zitronen werden hart, falls sie zu lange aufbewahrt werden.


Und ich teile das Entsetzen über billige Rispentomaten, von denen ich annehme, daß kein Mensch, der sowas verkauft, sie selbst auch ißt. Eine Paradeis kann das nicht sein, denn dann müßte sie wenigstens flüchtig nach Paradeis schmecken.

Ich tippe auf eine Art von biologischem Verpackungsmaterial, das sich selbst verpackt, mit dem Zweck Profit zu generieren. Was kann das Ding sonst noch? Bestenfalls meinen Verdauungstrakt beschäftigen, mehr nicht. (Vielleicht müßte ich zu Rispentomaten-Gerichten Tomatenmark mischen.)


Es gibt freilich ganz andere Momente, die mir klar machen, daß man dank mancher Mitmenschen nicht zu Kulturpessimisten werden darf. Und das kam so. Ort der Handlung war die Balkanbäckerei gegenüber meinem Domizil.
Ich: „Gibt es noch Apfelstrudel?“
Sie: „Ja, zwei Arten.“
Ich: „Wie?“
Sie: „Eine mit Germteig und eine mit Strudelteig.“
Ich: „Dann bitte Strudelteig.“
Sie: „Kenne Sie den mit Germteig?“
Ich: „Nein. Und einmal Burek mit Käse bitte.“


Ich hab in der Balkanbäckerei die Gewohnheit, eine Leinentasche offen hinzuhalten, auf daß die Verkäuferin mir die Wohltaten gleich reintut. Zuhause merkt ich dann, daß die Frau mir beide Apfelstrudel-Varianten zum Preis von einer zugesteckt hatte. (Nein, die Arschlöcher haben in dieser Welt noch micht gesiegt!)


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