10. Dezember 2025

Nische und Boulevard


Es scheint inzwischen klar zu sein, daß Social Media zwar Massenmedien sind, aber eher nicht in der Tradition jener Tage, bevor die sogenannten „Neuen Medien“ sich durchgesetzt haben. Der Begriff ist außer Gebrauch gekommen.

Die „Neuen Medien“ sind eben nicht mehr neu. Medienkonvergenz ist kein auffälliges Phänomen mehr, sondern Standard. Medienkompetenzen können als Anforderung entfallen, wo die Türhüter verschwunden sind, die man einst überzeugen mußte, daß man für die Teilhabe an öffentlichen Diskursen ein paar Voraussetzungen mitbringt.


Nein, bloß kein Umkehrschluß! Ich spreche hier nicht für eine Restauration der Gate Keepers. Es wäre außerdem völlig müßig, den medialen Wildwuchs zu beklagen, der sich als Faktenlage etabliert hat. Daran kann nicht gerüttelt werden. Aus mindestens einem einfachen Grund. Selbstermächtigung auf einem freien Feld ist mit regulierenden Maßnahmen kaum bis gar nicht vereinbar. Das funktioniert nicht.

Bleibt noch, was wir seit dem Mittelalter kennen, als die Ritterschaft in Europa durch ihr rüdes Verhalten für ihre Fürsten und das Volk gleichermaßen zur Bürde wurden. Die trainierte, waffenstarrende Kriegerkaste mit ihrem Kampf-Ethos und ihren zunehmend schlechten Manieren konnten ja schwer über Gewaltandrohung gebändigt werden. Es bedurfte der Einführung eines neuen Ethos. (Lies nach bei „Die Ritter“ von Georges Duby!)


Was bedeutet das für unsere mediengestützte Öffentlichkeit mit der Besonderheit der Social Media? Es legt die Beachtung von Netiquette nahe, von akzeptierten Umgangsformen im Web. Der häufig erlebbare Ansatz zu einer Art Faustrecht verlangt nach Einwänden.

Ich kenne das nur als etwas Nutzloses, wo es auf die Absender von schlechten Manieren und Anmaßungen zielt. Die zeigen sich von derlei Einwänden meist unbeeindruckt. Daher meine Annahme, daß man bloß Nischen aufmachen und kontrollieren kann, wo so ein Verhalten auf Kosten anderer abgestellt wird.

Das Internet, der virtuelle Raum, Telepräsenz, das sind ohnehin fragmentierte Zonen, denn „Die Öffentlichkeit“ gibt es nicht. Ich brauche für mein spezielles Interesse an Netzkultur einige Kriterien und wiederkehrende Klarheiten, womit ich es da zu tun habe. Dann kann ich dafür sorgen, daß sich in der mir anvertrauten Nische kein Faustrecht etabliert, keine Gewalt durch Sprache breit macht, daß niemand auf Kosten anderer expandiert.

Hier die Nische, wo ich Bedingungen für ein ansprechendes geistiges Klima schaffen und schützen kann, dort der Boulevard, auf dem geschieht, was immer auch geschehen will. Ich kann für meine Bereiche ein Hausrecht geltend machen und durchsetzen. In der „freien Wildbahn“ scheint mir solches Wollen nicht bloß unmöglich, sondern auch sinnlos.

+) Netzkultur: Boulevard und Nischen (Es gibt Arbeit!)
+) Netzkultur (Teleworking und Telepräsenz)


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