27. Dezember 2025

Gust Mrak


Ich bin körperlich nicht sehr gewandt. Daher habe ich mich überaus vorsichtig auf den alten Stahltreppen ins Dunkel bewegt. Dabei war ich an einer Maschine vorbeigekommen, die dem Walzenstuhl einer Mühle ähnlich sieht. Der ganzen Anlage entsprechend ist es vermutlich der Teil eines Getreidetrockners.


Auf meinem Weg auch eine Art Sitzecke aus zusammengetragenen Stücken und innerhalb des Gebäudes eine kleine Feuerstelle, in einer Ecke des Raumes mit Ziegeln begrenzt. Offenbar hatten Hauslose hier kurz Quartier bezogen. Es gibt ein paar solcher Stellen in Gleisdorf, doch ich hab dabei noch nie einen Menschen angetroffen. Ich nehme an, sie meiden Begegnungen.

In den Kellergeschoßen hat schon lange niemand mehr etwas zu tun gehabt. Kein Fenster, keine Lampe. Dichte Dunkelheit. Gedämpfte Schritte auf alten Ablagerungen. Noch nie zuvor habe ich so große Spinnweben gesehen. Meine Neugier treibt mich unweigerlich in solche Räume.


Ich mach das lange genug, um zu wissen, wie achtsam Schritte dabei gesetzt werden müssen. Es tun sich manchmal Fallhöhen auf, die man nicht überleben könnte. Gut, im Keller des Kellers ist nach unten nicht mehr viel Spielraum. Aber es würde hier schon genügen, sich den Knöchel zu brechen, um einem ungewissen Ausgang entgegenzusehen.

Bei diesem völligen Fehlen von Tageslicht war ich in eine wunderbare, überaus fesselnde Stille eingehüllt. Dann fiel mir ein, daß ich hierzu Worte aus einem Gedicht des bosnischen Autors Muhidin Saric gedacht hatte: Gust Mrak. Dichte Dunkelheit. Bei ihm war das freilich ein Stück Erinnerung an die serbischen Folterlager, die er überlebt hatte. (In seiner Sprache heißt das „Logor“.)


Vor allem in der Stille und manchmal in der Finsternis empfinde ich, da wäre eine zeitlich unbegrenzte Umgebung, die mich einhüllt, von ungezählten Menschen belebt, die als Schatten noch präsent sind. So stehe ich, manchmal der Stille lauschend. Um es mit Manès Sperber zu sagen: als eine Träne im Ozean.


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