27. Jänner 2026

Gerechtigkeitsreservisten

Kommt mir jemand via Social Media mit einem Berichtchen, oft eine Art schriftlicher Stoßseufzer, und endet dann mit einem „…und die Welt schaut zu“, ist meine Aufmerksamkeit sofort weg. Ich finde diese Pose ziemlich verpeilt, auch wenn ich mir das Motiv des Absenders vorstellen kann.

Da sind wir in eine informationelle Umwelt eingehüllt, die uns längst – dank billiger Webzugänge und hoher Übertragungsraten – aus allen Winkeln der Welt permanent mit Nachrichten überhäuft.

Wenn mich dabei nun etwas besonders berührt, womöglich entsetzt, aber ich fühle mich nicht bloß unglücklich, sondern machtlos, denn ich kann ja nicht mit praktischer Handlung darauf reagieren, denn entlädt sich in mir all meine Ömpörung eventuell so: „Warum tut denn niemand was? Warum sehen alle bloß zu?“ (Was man ja selbst gerade auch tut: bloß zusehen.)

Na, was weiß ich denn, wer alles in den USA, in Syrien, in Persien, im entlegensten Winkel Chinas oder Indiens, egal wo nun womit worauf reagiert? Das kann ich nicht wissen. Aber mein kleines Sichtfeld läßt mich annehmen: „Niemand tut was!“ Wie ja ich auch, außer via Facebook oder sonst wo derlei Meldungen raushauen. Aber wenn ich schon nichts zu tun vermag, sollen wenigstens andere Leute schuld sein nichts getan zu haben.



Das KZ Mauthausen Foto: Dnalor 01, CC BY-SA 3.0 AT)

Übrigens! Heute, am 27. Januar, ist der „Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“. Das bedarf individuell keiner großen Geste. Man kann sich im Gedenken daran jederzeit der Menschenwürde verpflichtet fühlen. Man kann im Alltag dafür sorgen, daß im eigenen Umfeld keine Geringschätzigkeit oder Abwertung von Menschen ohne Einwand bleibt.

Man kann sich jederzeit in ganz banalen Situationen gegen offenkundige Lügen, gegen Diffamierungen oder gegen unangemessene Beschönigungen aussprechen. Es läßt sich viel dagegen tun, daß die Menschenverachtung sich wo einnisten kann.

Oder man drückt sich davor und verausgabt sich darin, andere Leute – irgendwen, irgendwo - anzuprangern, vielleicht ganz unbestimmt irgendwelchen Personengruppen Untätigkeit vorzuwerfen: „Wo bleibt denn jetzt der Protest von…“ Na klar! Dieses „Du sollst…!“ ist sehr viel billiger als ein „Ich werde…“, die praktische Moraltrompeterei erspart Kräfte.

+) Politik


[Kalender] [Reset]