Allerdings war das vergangene Wochenende die ganze
Stadt von einer merkwürdigen Stille eingehüllt. So
als hätten wenigstens ein- bis zweitausend Leute
vereinbart, Gleisdorf kurz zu verlassen. Ich
verzehre mich oft nach Stille.
Wenn ich
draußen bin, zwischen den Gräsern und dem Gebüsch,
unter Bäumen, bei den Bächen, manche mit Stegen
versehen, fühlt es sich deutlich so an, als würde
mein Leib mit all dem mich Umgebenden in ein
wortloses Plaudern verfallen.

Zwischendurch ordne ich im Kopf, was ich sehe. Etwa
das Mäandern eines Baches, wie es alle Fließgewässer
vollziehen, wo sie nicht reguliert werden. Wasser
trägt erhebliche Kraft in sich. Das ergibt an den
Ufern hier den Prallhang, von dem Material
abgetragen wird, dort den Gleithang, an dem was
liegenbleibt.
Das sind Gedanken, wie ich sie
habe, um mich in allem einzuordnen und um ein
ruhiges Gefühl zu bekommen, in welche Kräftespiele
ich verwoben bin. Solche Gedanken regeln die
Beziehungen zwischen meinen inneren Landschaften und
der Welt, die mich umgibt.

Für mich ist jeder Traum eine selbstverständliche
Erweiterung des durchwachten Alltags und jeder
Gedanken eine Brücke. Wie mir die greifbare Welt
unermeßlich groß erscheint, da ich in ihr ja recht
klein bin, sind auch meine inneren Landschaften
unüberblickbar und so gesehen grenzenlos.
Ich
hab das grade in „Bachmann: Böhmen und das Meer“
(Historische Hintergründe) angerissen, in meiner
heurigen Befassung mit Ingeborg Bachmanns Wirkung.
Ich staune über Begriffe wie „Sehnsuchts-Ort“ als
etwas, wonach man sich verzehren könnte. Für mich
ist dabei kein Sehnen nötig. Was in mir ist, da kann
ich nicht hingehen, denn da bin ich schon; nicht
davon getrennt, sondern damit verbunden.

Emotional und kognitiv gehe ich sowieso dort hin,
wenn ich die Welt der realen sozialen Begegnungen
grade schwer erträglich oder sonst wie hinderlich
finde. Wir haben dafür ganz banale wie vertraute
Worte: Ich ziehe mich in mich zurück. Dort bin ich
aber von der Welt nicht abgeschnitten, denn draußen
im realen Gestrüpp stellt sich die Verbindung ganz
mühelos her. (Ein Leben in der Kunst handelt ohnehin
vom ungehinderten Pendeln zwischen dem Drinnen und
Draußen.)
+)
Bachmann: Böhmen und das Meer