23. September 2026

Gutenbergisches

Für mich sind Antiquariate unverzichtbare Quellen, denn immer wieder brauche ich ein Buch, das im regulären Handel vergriffen ist. Außerdem finde ich all diese Hütten und Regale magisch, die als „Büchertankstellen“ zusammengefaßt werden.


Daran kann ich nie vorbei, werde oft fündig; wie eben wieder in Gleisdorf. Eine Publikation von Georg Baselitz und Alexander Kluge ist für mich ein sehr feiner Fund. Ich lebe ja praktisch in einer Bibliothek, halte auch allerhand Bücher in freier Bodenhaltung.

Dank Social Media weiß ich: Das muß nicht als verrückt gelten, bestenfalls als verhaltensoriginell. Zahllose wißbegierige Menschen handhaben es bezüglich ihrer Bibliotheken so wie ich, wenn das Fassungsvermögen der Regalbretter erschöpft ist.

Eben schrieb mir Kulturwissenschafter Matthias Marschik: „Ui, meine Bücher! Schon bei dem Begriff seh ich wieder, dass ich von vorgestern bin. Aber was soll's? Ich mag sie einfach, die gedruckten Bücheln.“

Einspruch! Wir sind natürlich genau nicht von vorgestern. Ich stehe eindeutig im Lager der Gutenberg-Galaxis und mache gerne jederzeit klar, daß dieses Feld gehalten werden muß. Ein Buch zu lesen, also Text auf Papier zu rezipieren, bringt mich physisch und kognitiv in einen völlig anderen Zustand, als bei einer Lektüre am Displays geschieht.

Der Unterschied neurologischer Vorgänge in diesem und jenem Fall gilt als geklärt. Was Lernfähigkeit und Wissenserwerb angeht, möchte ich dann erst einmal genauer sehen, ob Youngsters mit ihren Gadgets allgemein mehr drauf haben als ich. (Ich glaub es nicht.)

Marschik notierte: „Hab grad wieder vier Bücher gleichzeitig am Laufen und mir nebstbei noch eine Lehrveranstaltung aufgehalst. Aber ich kann's halt nicht lassen.“ Da liegt bei uns alten Zauseln eben die Latte, was intellektuelles Leistungsvermögen angeht. In dieser Zone möchte ich keinesfalls bloß auf EDV angewiesen sein.


Ich erinnere mich an eine Konferenz, da hab ich im Plauderton so nebenbei erwähnt, ich sei ein Hochleistungsdenker. Wie überraschend, daß eine Regionalmanagern mit Doktortitel sich kurz darauf öffentlich darüber lustig gemacht hat. Unsere Leute sind bei diesem Thema auffallend prüde. Wer Freude am Wissenserwerb und am Denken hat, ist offenbar immer noch suspekt. (Die gute, alte Intellektuellenfeindlichkeit, wie sie einst bei den Nazi Feste gefeiert hat.)

Nebenbei bemerkt, wir haben bis heute keine stabileren Datenträger für ein breites Publikum, die sich mit Büchern messen könnten. Dagegen sind viele Datenträger fürs Digitale heute unbrauchbar, weil wir keine Maschinen mehr dafür besitzen, wie etwa für meine drei Zoll kleinen CP/M-Disketten.

Und die Cloud? Lustig! Eben titelte der „Business Standard“ (New Delhi) zu Amazon Web Services: „AWS unable to restore access to Bahrain, UAE cloud zone hit in Iran war“. Die Company „cannot restore access to its cloud-computing facility in Bahrain and one of three data-hosting zones in the United Arab Emirates following damage during the Iran war, according to a status update seen by Reuters on Tuesday.“ (Um es also mit Lord Brett Sinclair Richtung Cloud zu sagen: „Tschüssikowski!“)


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