log #361: kunst.rasen: kulturpolitik

Auf informellem Weg, also über die Gerüchteküche, hat mich nun schon wiederholt die Frage erreicht: "Wovon lebt eigentlich der Krusche?"

Jüngst kam diese Frage aus dem Umfeld des Gleisdorfer Gemeinderates daher. Es ist recht kurios, daß derart wenig Vorstellung besteht, was einen freischaffenden Künstler am Leben erhält.

Daß ich mir, wie jeder kleine Unternehmer, von Monat zu Monat neue Kundschaft finden muß, die mir Leistungen und Werke abkauft, daß ich dazu auch laufend neue Ideen entwickeln muß, was ich dafür anbieten kann, daß diese Dinge Vorlaufzeiten brauchen und daß ich auch ständig in mein eigenes Geschäft investieren muß, um eben stets neue Angebote machen zu können, sollte klar sein. (Ist es aber offenbar nicht.)

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Kunstschaffende tragen freilich auch selbst zu solchen Unschärfen bei, indem sie um die Fragen der Profession oft einen ziemlich Nebel verbreiten, der gelegentlich mit selbstgestrickten Legenden durchwirkt ist und mit gängigen Klischees unterfüttert wird.

Diese dümmliche Scheu, dem Beruf etwas klarerer Konturen zu verleihen, hat vielfältige Gründe. Eine sehr populäre Quelle dieses Obskurantismus' liegt im beliebten Vermischen von sozialen Kategorien und Kategorien der Kunst. Dabei soll die operettenhafte Inszenierung folgenden Unfug suggerieren:

Die Qualität von Kunstwerken und der Rang von Kunstschaffenden zeigt sich letztlich doch im Marktwert, auch wenn wir jederzeit beteuern würden, daß eine vor allem ökonomische Bewertung von Kunst in die Irre führen müßte. Deshalb erzeugen wir sicherheitshalber lieber den Anschein, daß wir als Freischaffende auf dem Kunstmarkt durch die Nachfrage nach unseren Werken ein gutes Jahreseinkommen erzielen, damit auch noch dem letzten Deppen klar wird, daß ich eine Künstlerin, ein Künstler bin, die oder den man ernst nehmen sollte.

Diese über alle Maßen blöde Konstruktion ist natürlich eine Falle. Marktwert und daraus abgeleitetes Jahreseinkommen sind zwar durchaus ein gängiges Kriterium, um Kunstschaffende zu taxieren und in diversen Rankings zu reihen, aber eben bloß eines von sehr viel mehr möglichen Kriterien.

Vor allem aber ist das Jahreseinkommen
eine soziale Kategorie und keine der Kunst!

Ich kann also ein exzellenter Künstler sein, ohne auf dem Kunstmarkt reüssiert zu haben. Umgekehrt ist der Mangel an Einkommen aus künstlerischer Tätigkeit keineswegs ein Qualitätshinweis, wie auch ein stattliches Einkommen aus der Kunstpraxis für sich noch kein Qualitätsbeleg sein kann.

Ich hab vor einer Weile hier schon begonnen, anhand von Dokumenten und Faktenlagen nachvollziehbar zu machen, wie sich das so ereignet, wenn ich als Freelancer auf dem Kunstfeld ökonomisch überleben möchte. Hier finden Sie eine Darstellung, die ein passables Jahr zeigt, das aber kein "fettes" Jahr gewesen ist: [link]

Ich werde noch weitere Details vorlegen, damit Sie sich ein realistisches Bild machen können, was ein Kunstschaffender, der nicht gerade großes Interesse am Markt hat, tun muß und tun kann, um ein Jahreseinkommen zusammenzubringen. So ein Jahreseinkommen setzt sich bei mir wesentlich aus
-- Projekthonoraren,
-- Publikationshonoraren und
-- Auftrittshonoraren zusammen.

Ich bekomme also gelegentlich Geld, wenn mir Projekte gelingen, deren Sinn und Nutzen anderen Leuten einleuchtet. Ich bekomme Honorare für das Publizieren von Texten, sei es in Büchern, Zeitschriften oder im Internet. Und ich bekomme Geld für Auftritte etwa bei Lesungen, Vorträgen, Workshops.

Es gibt keine Abnahmegarantien. Und es gibt keinen verbrieften Anspruch auf Förderungen.

Manchmal fallen schon vereinbarte Veranstaltungen oder Projekte aus, weil die Leute, die mich engagiert haben, ihre Finanzierung nicht zustandegebracht haben. Manchmal werden Texte geordert und dann doch nicht gedruckt. Früher waren dafür sogenannte "Abstandshonorare" üblich, also verminderte Honorare, um wenigstens den Aufwand der bestellten Leistung abzudecken. Damit kann ich heute nicht mehr rechnen.

Manchmal kommt es, wie gegen Ende 2010, wo das Land Steiermark eine Finanzkrise erlebte, die schnell zu den Gemeinden durchschlug, worauf bei den Kommunen als allererstes der Kulturbereich gekürzt wurde. Plötzlich stand ich im November 2010 vor den Trümmern einer guten Arbeitsvorbereitung für 2011.

So geht das eben und kein Hahn kräht danach, ob ich die Kurve kriege, wie ich so einen Rückschlag geschäftlich überlebe. Das sind also die gleichen Verhältnisse, wie sie jeder KMU-Boss kennt, wo nicht mit Gütern des täglichen Bedarfs gehandelt würde, deren Notwendigkeit außer Diskussion steht.

Das heißt, ich verdiene mein Brot in unsicheren Verhältnissen auf einem riskanten Markt. So ist es, niemand hat mich gezwungen, dieses Metier auszuüben. Ich wäre froh, fiele all das etwas leichter, denn eines ist klar: Ich muß heute unverhältnismäßig mehr arbeiten, um auch nur halbwegs den Standard zu halten, den ich vor Jahren schon hatte. Blöd gelaufen! Die Branche gibt Knappheiten und Härten aller Art immer sofort an die schwächsten Glieder weiter.

Hier also ein Überblick von Fakten zur Frage:
[Wovon lebt der Krusche?]

[kunst.rasen]


coreresethome
29•11