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Orte der Anwesenheit
Von Martin Krusche

Einer meiner Großväter stammt vom Fuße des Grimming. Sein Weg in die Landeshauptstadt Graz führte in ein Ensemble von Zimmer und Küche, in dem er und meine Großmutter bis zu ihrem Lebensende wohnten.

Das Klo befand sich am anderen Ende eines sehr langen Ganges. An dem im Hause gelegenen Ende der schmalen Küche war ein Waschbecken, was anderen Menschen das Badezimmer ist. Rechts davon stand eine hölzerne Kohlenkiste.

Die andere, nach außen gewandte Stirnseite der Küche war von einem Fenster dominiert, unter dessen Fensterbrett sich hinter einem Vorhang Regalbretter befanden, die unter anderem ein Kistchen mit Schuhputzzeug bargen. Unter diesem Schuhputzzeug hielt mein Großvater eine Rolle Silbermünzen, in Zeitungspapier gewickelt, verborgen. Er nannte das „Die Zinsen“. Links des Fensters stand, quasi als Gegenpol zur Kohlenkiste, eine Nähmaschine.

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Meine erste eigene Wohnung, die ich als Achtzehnjähriger bezogen hab, ist ähnlich knapp angelegt gewesen. Zwei Räume im ersten Stock eines gebeugten Hauses. Das Waschbecken im Stiegenhaus, rechts neben der Wohnungstür. Um das Klo zu erreichen, mußte man hinunter in den Hof und dort ein anderes Stiegenhaus betreten.

In meiner Biographie gab es mehrere solcher Wohnungen, ferner eine hölzerne Gartenhütte, aber auch ein eigenes „Häuschen im Grünen“. Momentan wohne ich in einer komfortablen Innenstadtwohnung in Gleisdorf.

Diese Progression im Raumbedarf wird natürlich von unzähligen Menschen übertroffen, ist aber für sich schon ein Maß, das den Rahmen dieses Landes, seiner verfügbaren Flächen, sprengen würde, falls es für jeden der österreichischen Haushalte beansprucht würde.

Bezieht man nun demographische Entwicklungen in solche Betrachtungen ein, Österreichs Gesellschaft neigt massiv zur Überalterung, viel Wohnraum steht leer, ahnt man die Brisanz der Debatte über zeitgemäße Wohnformen. Man wird solche Debatten nicht bloß ausgewiesenem Fachpersonal überlassen. Es betrifft uns individuell genauso, wie wir als Teile dieser Gesellschaft den Kräftespielen auf diesem Feld intensiv ausgeliefert sind.

Wir sollten also unsere Ansichten darüber prüfen: Wie soll man wohnen?

Dabei sollten auch Kompetenzen genützt werden, die sich aus künstlerischer Praxis ergeben. Inhalte und das gestalten von Räumen, schließlich von Lebensräumen, das gehört durchaus zu den Agenda vieler Kunstschaffender.

[Siehe dazu auch: "Revisited?" (Mein Hintergrund),
zum Projekt "area8020_revisited"!]


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