the track / page #8 (martin krusche)

„Kunst unter Bedingungen der Vernetzung"
„art under net conditions"

In der Antike wurden „Artes" und „Techné", Künste und Handwerk, als verschiedene Kategorien beschrieben. Seither wird laufend neu verhandelt, was unter „Kunst" zu verstehen sei. (Einen durch die Zeiten gültigen Kunstbegriff gibt es nicht.)

Ich stehe für eine Praxis, in der ich zwar die Kategorien Alltagskultur, Kunsthandwerk und Gegenwartskunst als verschieden und als unterscheidbar begreife, aber ich kombiniere diese Genres gerne in konkreten Vorhaben.

Deswegen ist mir weiterhin die Kunst eben die Kunst, welche sich auch gegenüber anderen Genres mit Kontrasten abgrenzen läßt. Aber eine quasi komplementäre Wechselwirkung der Genres ist in meiner Kunstpraxis erwünscht. Warum? Viele meiner künstlerischen Kolleginnen und Kollegen in kulturell ganz unterschiedlich geprägten Ländern teilen mit mir zweierlei:

+) Wir beziehen aus langjähriger Befassung mit Kunst eine Reihe von Kompetenzen, die uns oft auf Anhieb befähigen, in unseren Begegnungen eine Art „gemeinsames Referenzsystem" zu betreten, in dem uns Verständigung ganz leicht gelingt; egal wie unterschiedlich die anderen „Codesysteme" unserer Herkunft sind.

+) Wir fragen bei unserer künstlerischen Arbeit stets auch nach den Bedingungen dieser Kunstpraxis, also danach, in welchem sozialen und politischen Umfeld sich ihre Arbeit ereignet.

Das heißt also, die Gegenwartskunst steht zwar im Zentrum dieses Tuns, sie hat auch ihre eigenen und immantenten Aufgabenstellungen, doch diese Praxis ignoriert darüber hinaus nicht Umgebungsbedingungen und interessante Optionen in anderen Genres.

Das ist also meine „art under net conditions", die in solcher Weise verschiedene Genres verbindet, integriert, ohne deshalb die Gegenwartskunst in diesem Gesamtereignis aufzulösen.

Das läßt sich, in etwas polemischer Verkürzung, an einigen Begriffspaaren deutlich machen. Zum Beispiel:
*) die Idee und der Gegenstand,
*) das Virtuelle und das Aktuelle,
*) in real life und virtual reality,
*) das Politische und das Unpolitische,
*) der öffentliche und der private Raum,
*) Zentrum und Provinz,
*) etc.

Ich gehe auf jeden Fall von folgenden Annahmen aus:

a) Menschliche Gemeinschaft gründet sich primär auf leiblicher Anwesenheit und realen sozialen Begegnungen. Alle weiterführenden Formen von technologischer Prothetik (Telekommunikation, Teleworking …) sind Extensionen, die das Primäre nicht suspendieren.

b) Einer der bewährtesten Anlässe für Wir-Situationen ist „die Erzählung". Jemand erzählt. Jemand hört zu. Mit allen Varianten von verfeinerten Ausdrucks- und Rezeptionsweisen. „Erzählen" ist hier im weitesten Sinn gemeint. Von der Erzählung zwischen Mutterbrust und Säuglingslippen bis zur komplexen Symphonie; oder bis zu weißem Rauschen, das in einen bestimmten Kontext gestellt wird.

Meine „art under net conditions" fächert sich gewissermaßen in den Alltag der Menschen auf, entfaltet ihre "Strecken", spiegelt sich im Web, also in der "Nicht-Welt" des Digitalen, ereignet sich als ausufernde Erzählung über Jahre ...


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