5. Mai 2026

Bachmann: Nähe und Distanz


Ginge es um eine Person, die vor 200, 300 Jahren gelebt hat, würde ich womöglich eine Distanz empfinden, die mich bedenkenlos sein ließe. Flaubert? Kein Problem. Puschkin? Will ich gar nicht wissen. Aber die Bachmann ist irgendwie… So gegenwärtig.

Ich hab keine Ahnung, wie Profis der Literaturwissenschaft das machen, wenn sie es keineswegs bei der Exegese Bachmann‘scher Literatur belassen, sondern auch durch gesicherte Briefe und private Aufzeichnungen fräsen. Legitime Erkenntnissuche?

Was ich mir bisher an einschlägiger Sekundärliteratur angesehen hab, verursacht mir ein beunruhigendes Gefühl von Distanzlosigkeit, eigentlich von Indiskretion. Ingeborg Bachmanns Literatur ist öffentliches Gut und steht daher fraglos zur Verfügung, falls jemand nach Motiven und Hintergründen in ihrer Biografie fragt.



Hab mir von der KI eine fröhliche Bachmann darstellen lassen.

Gibt es irgendeinen Beleg dafür, daß sie meinte, ihre privaten Briefe seien ebenfalls als öffentliches Gut der Wissenschaft und dem Publikum anzubieten? Ich kann mir das nicht vorstellen. Rechtfertigen ihr künstlerischer Rang und ihre zeitgeschichtliche Wirkung dieses Eindringen in derart private Bereiche? Ich habe starke Zweifel.

Ein Beispiel. Publizist Leander F. Badura notiert zu Geophysiker Heinz Bachmann: „Erst später erfuhr er von einem alten Freund seiner Schwester, dass diese von einer Arztgattin aus der Schweiz mit zahlreichen Beruhigungsmitteln, darunter Seresta, versorgt worden war und dass der jahrelange Medikamentenmissbrauch zu Schmerzunempfindlichkeit geführt hatte.“

Man muß wohl nicht besonders smart sein, um allein durch dieses Zitat auf einen sehr kranken, einen leidenden Menschen zu schließen. Jeder behandelnde Arzt, der in solcher Weise über seine Patientin Auskunft gäbe, müßte sich gewiß wegen unethischem Verhalten entsprechenden Konsequenzen stellen. Bachmanns Innerstes in schwerer Zeit als öffentliches Gut? Das kommt mir dubios und düster vor.



Böhmen lag schon 1620 am Meer.

Jemand wie Tobias Schwartz erscheint mir da fast schon zynisch, wenn er anmerkt: „Immerhin hatte die Klagenfurterin einen Großteil ihres Prosaschaffens einem einzigen Überbegriff gewidmet: dem Tod. Der Tod gehört zum Leben dazu und das Leben der Bachmann gab immer schon viel Anlass, sich darüber auszulassen und zu spekulieren.“ Sowas wirkt auf mich sehr schnoddrig.

Ich nehme zur Kenntnis, was da insgesamt der Fall ist und mich denken läßt, daß die Bachmann mit sehr persönlichen Belangen unangemessen zur Schau gestellt wurde. Mir bleibt in meiner Einlassung, auf ein Bearbeiten dieser Anteile der Bachmann’schen Biografie zu verzichten und mich an Norbert Elias zu erinnern, der in einem seiner Werke lapidar feststellte: „Tote haben keine Probleme“. Von Christine Koschel heißt es, sie sei eine Vertraute der Autorin gewesen. Koschel zitierte Bachmann aufschlußreich: „Man stirbt an dem, was mit einem angerichtet wird.“

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Causa Bachmann (Das Projekt)

Postskriptum
Das Landschaftsbild ist eine an Picasso orientierte und KI-generierte Paraphrase von Adam Willaerts Gemälde „Wildziegenjagd an felsiger Meeresküste“ (1620), für das Willaerts sich auf Felsstudien von Roelant Savery stützte, welche dieser von seinen Reisen nach Böhmen und Tirol mitgebracht hatte.


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