Da erstaunt mich etwa diese kleine Notiz vom 16.
Juni, für die ich damals, 1992, beide Hände
gebraucht habe:
„Durchgehend geschlafen“.
Das war ein kurzes Aufatmen, weil erst vier Wochen
zuvor meine Normalität eine Pause eingelegt hatte.
(Immerhin um den ersten Hubschrauberflug meines
Lebens bereichert.)
Die Bruchstelle war an
jenem 14. Mai 1992 so radikal, daß ich heute noch
manchmal unter Mitmenschen dieses starke Gefühl
bekomme:
„Ich gehöre nicht zu euch“. Die
Entfremdung ist derart tiefgreifend gewesen und der
Schrecken von damals blieb in meinem Körper zuhause.

Schriftliche Orientierngshilfe, um
mich in der Zeit zurechtzufinden.
Auf dem Rückweg in eine Konsensrealität hatte ich
damals um zwei Tonträger gebeten, die mir ins
Krankenhaus gebracht wurden: „Mama Rose“ von Archie
Shepp und „Witchi-Tai-To“ von Jim Pepper. Dessen
Vater war ein Kaw, seine Mutter eine Muskogee
gewesen.
Die Titelnummer ist ein Peyote
healing chant, von dem Pepper einen Teil englisch
singt:
„Water spirit feelin' / Springin' round
my head / Makes me feel glad / That I'm not dead“.
Es war mit einige Zeit viel lieber, diese zwei
Alben zu hören als mit Menschen zu reden. Und es war
eine nützliche, wenn auch unerfreuliche Lektion, daß
man in manchen Dingen untröstlich bleibt.

Radikaler Touchdown und rund 20 Meter
Bremsweg.
Darüber zu räsonieren wäre ebenso töricht wie
nutzlos. Manche Angelegenheiten sind eben nicht
verhandelbar. Etwa der Preis, den man für das
Erdendasein entrichten muß, der unter uns allen
höchst unterschiedlich ausfallen kann.
Fast
genau ein halbes Jahr nach jenem Unfall, bei dem man
mich und mein Motorrad unter einem Lastwagen
heraushebeln mußte, kam mein Sohn Gabriel zur Welt.
Ich hatte ihn damals die erste Zeit immer in einem
Tragetuch bei mir, was mir die komfortabelste Art
war, mit dem winzigen Menschlein unterwegs zu sein.

Eiige Wochen Vollpension mit Zimmerservice.
Dieses Tragetuch hat durch verschiedene Verwendungen
über die Jahrzehnte etwas gelitten. Also trug ich es
gestern zu einer Schneiderin und bat sie, die
schadhaften Stellen zu fixieren. (
„Es muß nicht
schön, sondern stabil sein.“) Gabriel ließ mich
nämlich eben wissen, wie es um seine Frau und das
Kind bestellt ist. Er meinte:
„Zitat der Ärztin
gestern sinngemäß: Ein zierliches Kind wirds nicht
werden.“+)
RelationenPostskriptum
Zitat vom 5.
August 2022, "Family Business": Michaela
meinte, wenn Kinder eine grundlegende Zustimmung
erfahren, dann würden sie einem so gut wie alles
verzeihen. „Alles?“ fragte ich.
„Alles!“ bekräftigte sie. Ich sah meinen Sohn
an, sagte zu ihm leise aber bestimmt: "Verdammt,
dann hab ich bei dir noch ein Guthaben und kann dir
was reinwürgen!"
Er revanchierte sich
bei einem anderen Teilthema. Daß man den Kindern was
zutraut. Klar? Klar! Rückhalt. Vertrauen. Das schien
uns irgendwie unverzichtbar. Da haben wir Konsens.
Michaela: „Aber wenn er ein kleiner Nazi wird?“
Gabe grinsend: „Dann ist er unser kleiner Nazi.“
[Quelle]