14. Mai 2026

Rough Consensus

Es mag etwas banal klingen, aber ich halte es für eine fundamentale Klarheit: Wir sind äußerst verletzlich. Ein Leben kann so leicht verlöschen wie ein Lufthauch vorbeizieht. Wir sollten sehr achtsam miteinander umgehen.

Es waren damals keine stillen Tage, aber dennoch plötzlich etwas wie Stille in meinem Leben. Eine Art des radikalen Innehaltens. Der 14. Mai ist für mich nicht alljährlich, doch gelegentlich wiederkehrend, der Anlaß, um eine inzwischen vergilbte Mappe durchzusehen.



Als Kopf und Hände noch sehr holprig waren.

Da erstaunt mich etwa diese kleine Notiz vom 16. Juni, für die ich damals, 1992, beide Hände gebraucht habe: „Durchgehend geschlafen“. Das war ein kurzes Aufatmen, weil erst vier Wochen zuvor meine Normalität eine Pause eingelegt hatte. (Immerhin um den ersten Hubschrauberflug meines Lebens bereichert.)

Die Bruchstelle war an jenem 14. Mai 1992 so radikal, daß ich heute noch manchmal unter Mitmenschen dieses starke Gefühl bekomme: „Ich gehöre nicht zu euch“. Die Entfremdung ist derart tiefgreifend gewesen und der Schrecken von damals blieb in meinem Körper zuhause.



Schriftliche Orientierngshilfe, um mich in der Zeit zurechtzufinden.

Auf dem Rückweg in eine Konsensrealität hatte ich damals um zwei Tonträger gebeten, die mir ins Krankenhaus gebracht wurden: „Mama Rose“ von Archie Shepp und „Witchi-Tai-To“ von Jim Pepper. Dessen Vater war ein Kaw, seine Mutter eine Muskogee gewesen.

Die Titelnummer ist ein Peyote healing chant, von dem Pepper einen Teil englisch singt: „Water spirit feelin' / Springin' round my head / Makes me feel glad / That I'm not dead“. Es war mit einige Zeit viel lieber, diese zwei Alben zu hören als mit Menschen zu reden. Und es war eine nützliche, wenn auch unerfreuliche Lektion, daß man in manchen Dingen untröstlich bleibt.



Radikaler Touchdown und rund 20 Meter Bremsweg.

Darüber zu räsonieren wäre ebenso töricht wie nutzlos. Manche Angelegenheiten sind eben nicht verhandelbar. Etwa der Preis, den man für das Erdendasein entrichten muß, der unter uns allen höchst unterschiedlich ausfallen kann.

Fast genau ein halbes Jahr nach jenem Unfall, bei dem man mich und mein Motorrad unter einem Lastwagen heraushebeln mußte, kam mein Sohn Gabriel zur Welt. Ich hatte ihn damals die erste Zeit immer in einem Tragetuch bei mir, was mir die komfortabelste Art war, mit dem winzigen Menschlein unterwegs zu sein.



Eiige Wochen Vollpension mit Zimmerservice.

Dieses Tragetuch hat durch verschiedene Verwendungen über die Jahrzehnte etwas gelitten. Also trug ich es gestern zu einer Schneiderin und bat sie, die schadhaften Stellen zu fixieren. („Es muß nicht schön, sondern stabil sein.“) Gabriel ließ mich nämlich eben wissen, wie es um seine Frau und das Kind bestellt ist. Er meinte: „Zitat der Ärztin gestern sinngemäß: Ein zierliches Kind wirds nicht werden.“

+) Relationen

Postskriptum

Zitat vom 5. August 2022, "Family Business": Michaela meinte, wenn Kinder eine grundlegende Zustimmung erfahren, dann würden sie einem so gut wie alles verzeihen. „Alles?“ fragte ich. „Alles!“ bekräftigte sie. Ich sah meinen Sohn an, sagte zu ihm leise aber bestimmt: "Verdammt, dann hab ich bei dir noch ein Guthaben und kann dir was reinwürgen!"

Er revanchierte sich bei einem anderen Teilthema. Daß man den Kindern was zutraut. Klar? Klar! Rückhalt. Vertrauen. Das schien uns irgendwie unverzichtbar. Da haben wir Konsens. Michaela: „Aber wenn er ein kleiner Nazi wird?“ Gabe grinsend: „Dann ist er unser kleiner Nazi.“ [Quelle]


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