9. Juni 2026

Der vierte Tag

Es berührt mich etwas Radikales, wenn ich so ein pures Leben in Händen hab, ein Wesen, das noch völlig frei von Aufgaben und Zierrat ist. Als würde in mir kurz irgendeine Justierung zurückgestellt werden, um kurz nur damit befaßt zu sein.

Der Bub ist ja kaum größer als eine Katze und macht die Augen bloß ab und zu ein wenig auf. Ob er mich dann einmal tatsächlich für Momente angeblickt hat, läßt sich nicht feststellen. Wer weiß, was solche Eindrücke ihm vorerst mitteilen.


Es ist sein vierter Tag unter der Sonne. Der Kleine muß in annähernd allem achtsam betreut, auch behütet werden. Das ist von bestechender Klarheit. (Was wäre daran nicht zu verstehen?) All mein Erlebtes, was meine Erfahrungen sind, die von tausend unterschiedlichen Momenten handeln, von Vergnügungen und von bitteren Momenten, diese Fülle und Vielfalt, ist für solche Augenblicke nur ein Hintergrundrauschen.

Die Situation hat im Kern genau diesen Pulsschlag, seinen Pulsschlag, diesen geflüsterte Appell in Sicherheit zu sein, geborgen. Für mich ist das alles freilich vollkommen vertraut. Ich sehe aber nun meinen Sohn, wie er mit seinem Sohn zugange ist. Es gibt Fotos, einerseits von ihm und mir, andrerseits von ihnen beiden, die sich sehr gleichen, obwohl 34 Jahre dazwischen liegen.


Mehr ist dazu nicht zu sagen, obwohl da weit mehr ist. Aber das zeigt sich außersprachlich. Die Mutter des Buben freut sich vor allem, daß sie noch diese Woche in ihre vertraute Umgebung zurückkehren kann. Dieses Trio nun, an seinem eigenen Platz, das wird ein nächstes Kennenlernen.

Ich bin heute sorglos, denn ich sehe, wie der Bub mit seinem Kind umgeht. Das bedeutet auch, da, wo ich stehe, hat etwas Früheres, mit dem man nichts zu tun haben will, verläßlich geendet. Es ist nun ein anderes Leben, wie es sich nach anderen Bedingungen entfaltet. [Fortsetzung]

+) Siehe dazu auch: Alter Mann XIII (Ein Umbruch)


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