14. Juli 2026

Das Faustische

Folge ich populären Deutungen, dann habe ich neben einem inneren Kind auch einen inneren Menschen in mir, genauer: den Mann in mir, also den wahren Mann. Aus meinen Tagen in der Selbsthilfegruppe anonymer Patriarchen weiß ich noch, daß dieser wahre Mann nur mäßig zivilisiert ist.

Aber ich bin ja inzwischen, wenn auch immer noch ein Kind des Patriarchats, so doch ein reformierter Mann. Wäre ich je für ein Reality TV-Format gecastet worden, hätte ich gute Aussicht, daß ganz Deutschland endlich sehen würde, wer und ich wirklich bin. (Da ginge Österreich in einem Schwung drunter.)


Nun also dieses ganze Rudel wahrer Figuren in mir. Ein Wahrhaftigkeitsfestival. All die Typen Hand in Hand mit meinem eigentlichen Ich, das aufzeigt, wenn jemand ruft: „Be you!“ Also; „Sei du selbst!“

Das legt die Annahme nahe, es könnten in mir auch einige Fälschungen herumlungern und mehr oder weniger bequem eingerichtet haben. Was für ein Gedränge! (Reality TV dreht sich nicht umsonst um so Fragen wie „Real or fake?“)

Dagegen wirkt die Sache bei Freud geradezu aufgeräumt: Das Ich teilt sich mich mit einem Es und einem Überich. Wie drei Ministerien. Ich finde das überschaubarer. Es leuchtet mir ein. Das ist also wie mit der Behörde. Mehrere Abteilungen an der Arbeit. Sowas heißt auch: unterschiedliche Interessenslagen. Die können kollidieren und Kompetenzstreitigkeiten auslösen. (Da ist dann selbst der Präsident, also das Gesamt-Ich, oft machtlos).

Der olle Goethe war da etwas pragmatischer. Er wollte seinen Faust nicht gar so kompliziert aufstellen. Goethe konnte freilich noch nichts von Freud wissen. Aber die Richtung stimmte offenbar.



Wer von uns bist du denn?

Er wäre dort eventuell als Klient an einer guten Adresse gewesen, denn bezüglich Körperlichkeit, womöglich Sexualität („derbe Liebeslust“), holpert die Sache etwas. Aber gut, so spricht ja Faust, das muß nicht Goethe gewesen sein. Ich zitiere:

Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
O lerne nie den andern kennen!
Zwey Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust,
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

(Faust. Eine Tragödie. Tübingen, 1808.)

Über solche Dinge denke ich gelegentlich nach, weil ich eine Art Doppelleben führe. Meine Youngsters sind sich weitgehend einig: sie halten mit für einen „Teilzeit-Eremiten“. Das bedeutet, ich brauche sehr viel Stille. Dann bin ich im Außen zu Geselligkeit in der Lage.


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