Nun also dieses ganze Rudel wahrer Figuren in mir.
Ein Wahrhaftigkeitsfestival. All die Typen Hand in
Hand mit meinem eigentlichen Ich, das aufzeigt, wenn
jemand ruft: „Be you!“ Also;
„Sei du selbst!“
Das legt die Annahme nahe, es könnten in mir
auch einige Fälschungen herumlungern und mehr oder
weniger bequem eingerichtet haben. Was für ein
Gedränge! (Reality TV dreht sich nicht umsonst um so
Fragen wie
„Real or fake?“)
Dagegen
wirkt die Sache bei Freud geradezu aufgeräumt: Das
Ich teilt sich mich mit einem Es und einem Überich.
Wie drei Ministerien. Ich finde das überschaubarer.
Es leuchtet mir ein. Das ist also wie mit der
Behörde. Mehrere Abteilungen an der Arbeit. Sowas
heißt auch: unterschiedliche Interessenslagen. Die
können kollidieren und Kompetenzstreitigkeiten
auslösen. (Da ist dann selbst der Präsident, also
das Gesamt-Ich, oft machtlos).
Der olle
Goethe war da etwas pragmatischer. Er wollte seinen
Faust nicht gar so kompliziert aufstellen. Goethe
konnte freilich noch nichts von Freud wissen. Aber
die Richtung stimmte offenbar.

Wer von uns bist du denn?
Er wäre dort eventuell als Klient an einer guten
Adresse gewesen, denn bezüglich Körperlichkeit,
womöglich Sexualität („derbe Liebeslust“), holpert
die Sache etwas. Aber gut, so spricht ja Faust, das
muß nicht Goethe gewesen sein. Ich zitiere:
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
O
lerne nie den andern kennen!
Zwey Seelen wohnen,
ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der
andern trennen;
Die eine hält, in derber
Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden
Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust,
Zu den Gefilden hoher Ahnen.(Faust. Eine
Tragödie. Tübingen, 1808.)
Über solche Dinge
denke ich gelegentlich nach, weil ich eine Art
Doppelleben führe. Meine Youngsters sind sich
weitgehend einig: sie halten mit für einen
„Teilzeit-Eremiten“. Das bedeutet, ich brauche sehr
viel Stille. Dann bin ich im Außen zu Geselligkeit
in der Lage.