log #369: fahrtenbuch, seite #24

Kooperation ist zu wenig
(Über die Zukunft im Bezirk Weiz)

Der Weizer Bürgermeister Helmut Kienreich hat kürzlich in einer Pressekonferenz seinen Nachfolger Erwin Eggenreich vorgestellt. Dabei war auch eine Ausgabe der „Oststeirischen" in seinen Händen.

Er zitierte einige Male aus jener Kritik, die der Gleisdorfer Architekt Winfried Lechner [link] in der Septemberausgabe an einigen situierten Stadtbürgern geübt hatte. Es ging um Fragen der Stadtentwicklung. Kienreich nennt als grundlegendes Problem von Weiz die kleine Stadtfläche:

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„Fünf Quadratkilometer. Etwa gleich wie Gleisdorf, aber noch einmal so viel Einwohner. Eine Industriestadt mit zweitausend Arbeitsplätzen. Elektroindustrie, Bauindustrie, neben der Leitindustrie sehr viele Gewerbebetriebe und eine sehr starke Einzelhandelsstruktur."

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Kleine Orte und große Städte waren in den letzten zwei Jahrzehnten mit den gleichen Fragen befaßt: „Irgendwann mußten wir entscheiden: Brechen wir diese Einzelhandelsstruktur auf, indem wir am Stadtrand große Geschäfte zulassen, oder stütze ich den Einzelhandel?" Kienreich meint zu den Lechner-Aussagen: „Besser kann man das nicht beschreiben." Das habe ihn veranlaßt, den Lechner-Artikel mehrmals zu zitieren, „weil es auf den Punkt bringt, wie es uns heute geht".

Für eine dynamische Entwicklung der Innenstadt wäre ein umfassendes Mitwirken der Hausbesitzer nötig: „Wir stützen die Innenstadt, bekommen aber vielfach nicht die Flächen, die wir brauchen, daß wir großflächige Geschäfte, die halt heute die Zugpferde sind, ansiedeln können."

Natürlich macht die Stadt den Besitzenden entsprechende Angebote. Kienreich: „Aber man kommt dann halt drauf, daß es vereinzelt Fälle gibt, wo dieses Angebot nicht ernst genommen wird. Manche wollen dann noch mehr und noch mehr und noch was anderes haben, was oft gar nicht in den Händen der Stadt liegt." Unrealistische Preisvorstellungen seien nur eines der auftauchenden Probleme. „Oder da will jemand mit dem Nachbarn nichts zu tun haben. Man könnte manche Geschäfte verbinden und gemeinsam nutzen, hat aber bei den Besitzern keine Chance dazu."

Kienreich betont allerdings: „Man muß es globaler sehen. Weiz hat eine kleine Stadtfläche und kann bestimmte Dinge einfach nicht machen. Wir haben sehr früh mit Nachbargemeinden zusammenarbeiten müssen." Das ist momentan ein heißes Thema, bei dem die Frage nach Gemeindezusammenlegungen mitschwingt. Kienreich sagt: „Zentralorte entwickeln sich nicht von heute auf morgen. Und sie entwickeln sich deshalb, weil es dort Stärken gibt. Wenn man die Stärken und Schwächen einer Kleinregion erfassen kann und vernünftig denkt, können solche Zusammenlegungen vielleicht für ein paar Bürgermeister und Gemeinderäte, die es dann nicht mehr sind, ein Nachteil sein, aber für das gesamte Gemeinsame ist es hundertprozentig ein Vorteil."

Und genau in der Frage gehen die Ansichten natürlich weit auseinander. Kienreich meint: „Wenn man ein etwas anders System hat und den einzelnen Gemeinden eine Chance läßt, ihre Identität zu wahren, dann kann es ja auch zum Beispiel Ortsvorsteher geben, die im größeren Ganzen etwas mitzureden haben. Dann bleibt die Identität erhalten, man kann großzügiger planen und wesentlich mehr Qualität anbieten. Das glaubt heute noch keiner, aber das ist so."

Kooperation scheint ihm zu wenig. Kienreich hält neue Strukturen und neue gesetzliche Grundlagen für unverzichtbar, um anstehende Probleme zum Wohl der Menschen lösen zu können. Er nennt ein Beispiel: „Die Industrie zieht aus der Stadt teilweise ab. In den letzten Jahren gingen rund tausend Arbeitsplätze verloren. Aber zum Glück haben wir sie in der Kleinregion halten können."

Es geht freilich nicht nur darum, attraktive Wirtschaftsstandorte zuwege zu bringen: „Wir können aber auch beim Wohnen nicht weiterkommen, weil wir die Qualität der Wohnung nicht zusammenbringen. Ein- und Zweifamilienhäuser, das findet schon fast nur mehr außerhalb der Stadt statt. Wir haben daher auch vermehrt die sozialen Problemfälle und das soziale Wohnen in der Stadt."

Eine Stadt und ihre unmittelbare Umgebung müssen demnach einen Austausch an Leistungen und Möglichkeiten schaffen. Aber auch Regionen, wie etwa die „Energie-Region", seien, so Kienreich, auf erhöhte Kooperation angewiesen, doch: „Wenn heute von Gemeindekooperation gesprochen wird, da machen wir alle noch viel zu wenig."

[Weiz] [kunst ost: fahrtenbuch]


coreresethome
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