10. Oktober 2025

Erosion des Kulturbetriebs I


Das große Phantasma der letzten Jahre ist die angebliche „Spaltung der Gesellschaft“, so als hätten wir a) eine homogene Untertanenmasse, die sich b) in zwei Lagern darstellen ließe. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Da ist zwar ein öffentlich ausgetragener Hegemoniestreit, der sehr wesentlich eher mit zwei als mit drei Lagern beschrieben werden kann, aber die Lautstärke und öffentliche Präsenz der Leute in diesen Lagern zeigt mir noch nicht deren Personalstärke.



Es gibt keinen "sauberen Krieg".

Mit Hegemoniestreit meine ich eine Auseinandersetzung darüber, welche Methoden und Strategien uns nützen, um im Lauf der Dinge zu klären, was der Fall ist. Was also sind gesicherte Fakten und wie kommen wir dazu? Welche Einrichtungen haben dabei welchen Rang? Wie können wir prüfen, ob wir belogen werden? Welche Kriterien nützen uns, um Meinungsbildung und deren Ergebnisse zu beurteilen, zu bewerten?

Wir sind seit der Antike mit der systematischen Anwendung von Zweifel und Kritik vertraut. Wir sind seit der Aufklärung gefordert, uns – wie Kant meinte – unseres Verstandes ohne Anleitung durch andere Leute zu bedienen.

Es gibt drei Bereiche, die ich diesbezüglich im Auge hab. Ich versuche in Kolumnen zu beschreiben, was da vorgeht. Kulturpolitik. Der Rechtsruck innerhalb des Kulturvölkchens. Und aktuelles Kriegsgeschehen („Mars“).

Ich sehe also keine „Spaltung der Gesellschaft“, wie einst Moses das Meer geteilt haben soll, denn ich finde weit mehr Lager in Bewegung.



Putin hat unter heimischen Kulturschaffenden eine solide Fanbase.

Aber ich finde eine harte Polarisierung in einer eher jungen Form des öffentlichen Diskurses; internetgestützt. Als ich aufwuchs, war vom Treppenhaus im Gemeindebau, von der Bassena und vom Stammtisch die Rede. Zusätzliche Öffentlichkeit boten diverse Leserbriefspalten und manche Radiosendungen, bei denen man anrufen konnte.

In den traditionellen Medien ging aber nichts ohne Türhüter, die Entscheidungen fällten, wer gezeigt/gesendet wird und wer nicht. Piratenradio und frühe Online-Netzwerke waren dabei Nischen. Mit dem TCP/IP und den diversen Diensten im Internet begann sich das radikal zu ändern.

Ich war ein Early Adopter und Teil der frühen Netzkulturszene. Wir kannten allerhand soziale Probleme in Special Interest Groups, in Mailboxes und Internetforen. Von daher wußten wir, was Trolle und deren Strategien sind. Aber was uns die Social Media schließlich in den Diskursen um die Ohren gehaut haben, hat niemand von uns kommen gesehen.



„Zum Glück weiß ich wirklich Bescheid, wo mich doch lauter Deppen umgeben.“

Diese gesamte Entwicklung innerhalb des erwähnten Hegemoniestreites belastet unsere Demokratie, korrumpiert in zunehmenden Ausmaß das geistige Leben des Landes und hat damit unter anderem äußerst nachteilige Effekte für den Kulturbereich. Ich kann daher nur fassungslos staunen, wie wenig Verbündete ich derzeit finde, um jene Sphäre zu schützen, in der öffentlicher Diskurs mit redlichen Methoden geführt wird, um für Kunst und Kultur tragfähigen Boden zu sichern.

Offenbar müssen wir neu klären, was redlichen Methoden sind, wie wir mit Dissens umgehen können und ganz generell: Wie erarbeitet man aus Informationen Wissen? Wenn wir uns darum nicht kümmern, könnte die Erosion des Kulturbetriebs demnächst Kategoriensprünge machen. [Fortsetzung]

Die erwähnten Kolumnen
+) Kulturpolitik (v@n-site)
+) Kulturpolitik (Kunst Ost)
+) Rechtsruck
+) Mars
++) Palästina


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