Heute sehe ich innerhalb des Kulturvölkchens dessen
zeitgemäße Variante. Alle wurden potentiell zum
Sender. Bei Bedarf schalten sich einige Leute über
die Inhalte in Serie. Der simple Modus ist offenbar
verlockend. Behauptungen, die ohne Begründungen
auskommen, vor allem auch ohne Belege (Quellen).
Jeder Einwand gegen solche Behauptungen wird als
Angriff gewertet, umgedeutet und mit Grobheiten
beantwortet.
Die Strategie des Blame Shifting
ist dabei längst Standard, wie etwa mein
Teilzeit-Stalker, der Schnösel vom Kulm,
gelegentlich vorhüpft. Da reimt er sein Anschütten
sogar, um sich Gewicht zu verleihen. Zitat:
„wie
es sich dort präsentiert, / selbstgefällig gern
parliert / und uns wissen lässt dabei, / dass es
unabdingbar sei, / dass man seine Theoreme /
widerspruchslos übernehme!“

Larmoyanz ist freilich auch eine
Reaktionsmöglichkeit.
Dabei wäre mir genau das willkommen. Ein gut
begründeter Einwand, also Widerspruch, der ohne
weiteres auch zu Dissens führen darf, den man so
stehenlassen könnte. Denn das hielte ich
aufschlußreich und respektabel. Aber genau das
meidet ein rigide Denkender, denn alles, was
außerhalb seiner kleinen Selbstinszenierung liegt,
erlebt er offenbar als Bedrohung.
Dabei tut
er dann genau das, wovon Philosoph Karl Popper
abgeraten hat. Popper schlug vor, man möge den
Unterschied beachten und in einer Kontroverse die
Argumente einer Person, aber nicht die Person
angreifen. Das Argument angreifen bedeutet, man
solle ein Gegenargument vorlegen. Dabei leitete
Popper aus seiner Totalitarismus-Erfahrung ab: Wenn
Argumente sterben dürfen, brauchen Menschen nicht zu
sterben.
Der rigide Denker, von dem
Andersdenkende angegriffen werden, nicht deren
Argumente, wirkt daher an einer Restauration der
Tyrannei mit, über die wir genug wissen. Da sind uns
keine Geheimnisse geblieben. Ich habe zu lange
angenommen, das sei in meinem Milieu weitgehend
ausgeschlossen oder würde wenigstens von einer
Kultur-Community harsch beantwortet und
zurückgewiesen werde. Was für ein Irrtum!

Möchten man die Person oder ihre
Argumente angreifen?
Ob man mich öffentlich beflegelt, statt auf meine
Argumente zu antworten, ob man einen Rechtsanwalt
bemüht, um auf meine Glossen einzuwirken, ob man
einen Machtpromotor akzeptiert, der mich etwa aus
erhöhter politischer Position angreift, das habe ich
alles schon kennengelernt. In keinem Fall gab es
öffentliche Einwände von Kolleginnen und Kollegen.
Da blieben alle fein in Deckung.
Keine Sorge!
Ich kann sowas jederzeit schultern. Es macht bloß
die erhebliche Diskrepanz deutlich, die zwischen den
boomenden Selbstdarstellungen und der Praxis in der
Kunst sowie in der Wissens- und Kulturarbeit
besteht. Das wär schon alles.
[Fortsetzung folgt]
Die erwähnten
Kolumnen+)
Kulturpolitik (v@n-site)
+)
Kulturpolitik (Kunst Ost)
+)
Rechtsruck+)
Mars++)
Palästina