16. Oktober 2025

Erosion des Kulturbetriebs V


[Vorlauf] Das rigide Denken ist sicher keine Neuigkeit. Aber seine Präsenz und prägende Kraft in öffentlichen Diskursen hat mit den Social Media eine Breite gewonnen, die vorher in unserer Infosphäre so nicht vorhanden war.

Historisch betrachtet war dazu Broadcasting nötig, um große Bevölkerungsanteile allgemein wahrnehmbar auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen. Broadcasting heißt: ein Sender viele Empfänger. Das haben unsere Leute mit der „Goebbels-Schnauze“ exemplarisch kennengelernt. Das Radio als damals mediale Neuigkeit in vielen Haushalten: der „Volksempfänger“.



Das Prinzip Broadcasting: Ein Sender, viele Empfänger.

Heute sehe ich innerhalb des Kulturvölkchens dessen zeitgemäße Variante. Alle wurden potentiell zum Sender. Bei Bedarf schalten sich einige Leute über die Inhalte in Serie. Der simple Modus ist offenbar verlockend. Behauptungen, die ohne Begründungen auskommen, vor allem auch ohne Belege (Quellen). Jeder Einwand gegen solche Behauptungen wird als Angriff gewertet, umgedeutet und mit Grobheiten beantwortet.

Die Strategie des Blame Shifting ist dabei längst Standard, wie etwa mein Teilzeit-Stalker, der Schnösel vom Kulm, gelegentlich vorhüpft. Da reimt er sein Anschütten sogar, um sich Gewicht zu verleihen. Zitat: „wie es sich dort präsentiert, / selbstgefällig gern parliert / und uns wissen lässt dabei, / dass es unabdingbar sei, / dass man seine Theoreme / widerspruchslos übernehme!“



Larmoyanz ist freilich auch eine Reaktionsmöglichkeit.

Dabei wäre mir genau das willkommen. Ein gut begründeter Einwand, also Widerspruch, der ohne weiteres auch zu Dissens führen darf, den man so stehenlassen könnte. Denn das hielte ich aufschlußreich und respektabel. Aber genau das meidet ein rigide Denkender, denn alles, was außerhalb seiner kleinen Selbstinszenierung liegt, erlebt er offenbar als Bedrohung.

Dabei tut er dann genau das, wovon Philosoph Karl Popper abgeraten hat. Popper schlug vor, man möge den Unterschied beachten und in einer Kontroverse die Argumente einer Person, aber nicht die Person angreifen. Das Argument angreifen bedeutet, man solle ein Gegenargument vorlegen. Dabei leitete Popper aus seiner Totalitarismus-Erfahrung ab: Wenn Argumente sterben dürfen, brauchen Menschen nicht zu sterben.

Der rigide Denker, von dem Andersdenkende angegriffen werden, nicht deren Argumente, wirkt daher an einer Restauration der Tyrannei mit, über die wir genug wissen. Da sind uns keine Geheimnisse geblieben. Ich habe zu lange angenommen, das sei in meinem Milieu weitgehend ausgeschlossen oder würde wenigstens von einer Kultur-Community harsch beantwortet und zurückgewiesen werde. Was für ein Irrtum!



Möchten man die Person oder ihre Argumente angreifen?

Ob man mich öffentlich beflegelt, statt auf meine Argumente zu antworten, ob man einen Rechtsanwalt bemüht, um auf meine Glossen einzuwirken, ob man einen Machtpromotor akzeptiert, der mich etwa aus erhöhter politischer Position angreift, das habe ich alles schon kennengelernt. In keinem Fall gab es öffentliche Einwände von Kolleginnen und Kollegen. Da blieben alle fein in Deckung.

Keine Sorge! Ich kann sowas jederzeit schultern. Es macht bloß die erhebliche Diskrepanz deutlich, die zwischen den boomenden Selbstdarstellungen und der Praxis in der Kunst sowie in der Wissens- und Kulturarbeit besteht. Das wär schon alles. [Fortsetzung folgt]

Die erwähnten Kolumnen
+) Kulturpolitik (v@n-site)
+) Kulturpolitik (Kunst Ost)
+) Rechtsruck
+) Mars
++) Palästina


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