Dieses Genre -
Boulevard-Gehampel -sehe ich in einem
komplementären Flackern gemeinsam mit allerhand
Desaster-Voyeurismus. Wie soll ich mir sonst
erklären, welchen abenteuerlichen Flickenteppich an
Themen manche Leute in ihren Timelines generieren?
Ich halte das für eine Art von
Fiasco-Hopping.
Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel des
Themenbogens, wie das eines jener Genies aktuell
exekutiert. Natürlich kann man zu all dem eine
Meinung haben. Aber allein dieser kurze Ausschnitt
zeigt eine Themenliste, die in meinem Umfeld
niemandem als sachkundig besetztes Ensemble schafft.
(Mich eingeschlossen.)
Zitat:
„Eine neue
Studie der Technischen Universität Athen stellt die
Klimawissenschaft auf den Kopf. / Es ist kein
Friedensplan. / Wenn wir, die Ungeimpften und die
Maßnahmenskeptiker, nicht daran erinnern, wird es
keiner tun. / war eh klar. / Bei den tanzenden
Krankenschwestern ging es nie darum, die Moral der
Mitarbeiter im Gesundheitswesen zu stärken oder
Stress abzubauen. / Bei aller Liebe, aber hätte ich
ein 12-jähriges Kind, dürfte es das Handy nicht zum
Schlafen ins Kinderzimmer mitnehmen. / Es gibt nur 2
Geschlechter ... / Auch der Gazakrieg 2014 war ein
einziges großes Kriegsverbrechen. / Was ist
intelligenter Ungehorsam? / Trump gibt ein Update
zum Friedensplan in Gaza:…“

Geeenau! Besser reich und gesund als arm und
krank.
Dieses aufgeplusterte Ego, das im öffentlichen
Diskurs herumstümpert, hat keinesfalls ausreichende
Sachkenntnis in all diesen und noch anderen
Themenbereichen, um die geteilten Postings
inhaltlich angemessen beurteilen zu können.
Wissenserwerb ist mein Beruf. Ich kann also viel
Zeit und Kraft auf das Lernen und das Verarbeiten
von Informationen zu Wissen verwenden. Das bedeutet,
ich traue mir bei etwa vier, maximal fünf großen
Wissensgenbieten eine fundierte Sachkenntnis zu.
Bezüglich aller anderen Themen, die mich
interessieren, sehe ich mich wenigstens ausreichend
kompetent, um gute Fragen zu stellen.
Die
oben zitierte Person bringt es innerhalb von vier
bis sechs Wochen locker auf zehn Fachgebiete und
mehr, obwohl ihr Berufsfeld keineswegs primär von
all diesen Themen handelt, sondern von einem völlig
anderen Metier. Das heißt, da werde ich inhaltlich
beschissen. Dieser Mensch ist keinesfalls
ausreichend kompetent, mir seine Repostings als
sachlich fundierte Informationen vorzulegen.
Ein anderes Beispiel bietet mir ein Sample an
Themen, zu der ich dieser Person gerne glaube, daß
sie Meinungen hat. Aber so einen Bogen mit
Sachkenntnis zu unterlegen, die tiefer reicht, als
einige Rufe der Ömpörung über bekannte Mißstände,
das kaufe ich dem Menschen nicht ab. (Weshalb macht
er es dann?)

Ist das Wasser naß? Ist der Papst
katholisch?
Ist irgendwas besser als
Schießen?
Zitat:
„Beendet das Plastikzeitalter! /
Verbotene Pestizide dürfen nicht in unsere
Lebensmittel gelangen / Früher haben wir als
Historiker gedacht… / More than 100 whales
slaughtered in a single day. / Sudan-Nothilfeaufruf
/ Das Ende aller Religionen / Chatkontrolle stoppen!
/ Dieser destruktive archaische Wahnsinn geht sich
heutzutage überhaupt nicht mehr aus! (Stierkampf)“
Als Slogan-Schleuder vermag man freilich
sehr gut demokratische Partizipation zu simulieren.
Der Desaster-Voyeurismus kann per Fiasco-Hopping in
einem nie versiegenden Fluß von
Katastrophen-Meldungen befriedigt werden.
Mit
dem bewährten Boulevard-Gehampel verzichtet man
selbst auf die zeitraubenden Mühen von a)
Wissenserwerb und b) persönlich verfaßten Aussagen.
Man liked, teilt, repostet irgendwas Ansprechendes,
setzt einen kurzen Kommentar dazu, fertig ist der
Demokratie-Champion. Ich dachte einige Zeit, das sei
beim Kulturvölkchen eher unvorstellbar. Weit
gefehlt.
[
Fortsetzung]
Die erwähnten
Kolumnen+)
Kulturpolitik (v@n-site)
+)
Kulturpolitik (Kunst Ost)
+)
Rechtsruck+)
Mars++)
Palästina